Klinisch-aseptische Welt: „Sabrina“ von Nick Drnaso

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LiteraturIn seiner Graphic Novel „Sabrina“ entwirft der US-amerikanische Zeichner Nick Drnaso in nüchternen Linien und gedeckten Farben das beklemmende Bild einer Gesellschaft, deren Gemütslage durch die Melange von schrecklichen Ereignissen, Fake News und Verschwörungsfantasien eine beunruhigend paranoide Grundierung erhält. Rezension von Martin Schmidt.

Sabrina ist verschwunden. Die titelgebende junge Frau wird nur in den ersten 10 Seiten der Graphic Novel in ihrem Alltag gezeigt, aber ihre Figur bleibt als Auslöser sich aufschaukelnder Mutmaßungen und  Verschwörungstheorien der Angelpunkt der ganzen Erzählung, die von Seite zu Seite eine eigentümliche Spannung aufbaut, die einen Kulminationspunkt erwarten lässt, dem Leser aber die fast herbeigesehnte Gnade der Entladung verweigert.

Das erste Drittel der Erzählung lässt uns noch im Ungewissen über das Schicksal Sabrinas, obgleich wir nichts Gutes erwarten. Dann erfahren wir, dass sie entführt und ermordet wurde und der Täter diesen Mord filmte und die Bilder ins Internet stellte. Teddy, der Freund der Ermordeten, kommt für unbestimmte Zeit bei seinem früheren Klassenkameraden Calvin unter, der sich seiner annimmt und so gut es geht versucht, dem Traumatisierten eine Stütze zu sein. Doch auch er gerät unter Druck, Vertreter der Presse lauern vor seinem Haus, und im Internet kursieren Meinungen, die den Mord anzweifeln und ein Komplott der Regierung vermuten. Calvin wird in Emails direkt bedroht und als Schauspieler hingestellt, der im Dienste dunkler Auftraggeber die Öffentlichkeit hinters Licht führen soll. Die sich um die Anschläge des  11. September 2001 rankenden Verschwörungsfantasien denkt der Leser unwillkürlich mit und dies ist von Nick Drnaso sicherlich intendiert.

Nick Drnaso präsentiert uns als Autor und Zeichner diese Erzählung in nüchternen, emotionslosen Bildern. Er schickt seine „Helden“ in eine klinisch-aseptisch wirkende Welt kühler Geometrien, rechter Winkel und unheimlich aufgeräumter Szenerien. Man muss sich an diese schmucklose Gestaltung, wie wir sie ähnlich von Drnasos Zeichnerkollegen Chris Ware kennen, tatsächlich erst gewöhnen, um dann im Lauf der Geschichte festzustellen, wie gebannt man die Figuren und ihr mehr oder weniger hilflos wirkendes Agieren dann eben doch verfolgt. Diese Wendung erstaunt umso mehr, da alle Personen in ihrem Erscheinungsbild keinerlei individuelle Züge tragen. Ihre Gesichter sind nach dem Punkt-Punkt-Komma-Strich_Prinzip gezeichnet, ihre Körper eher ungeschlacht und schwerfällig, und doch entwickelt der Leser Mitgefühl für diese Leute, die sich abmühen, die schreckliche Tat irgendwie zu verarbeiten.

Nick Drnaso zeigt uns eine Gesellschaft, deren Orientierungssinn abhanden gekommen ist, die sich in Bedrohungsmuster hineinsteigert und für kollektive Paranoia anfällig zeigt. Seine nüchterne Bildsprache steht in denkbar schärfstem Gegensatz zur Unfähigkeit seiner Figuren, die Dinge klar zu betrachten. Allem medialen Getöse und den Wortkaskaden der Verschwörungstheoretiker zum Trotz bleibt am Ende Sprachlosigkeit und das Unvermögen zu wirklicher Kommunikation. Auch die Aufgeräumtheit aller Schauplätze löst ein diffuses Gefühl einer nicht näher konkretisierbaren Angst aus.

Schon wenn wir diese Graphic Novel „nur“ als Bestandsaufnahme der heutigen US-amerikanischen Gesellschaft lesen, kann uns angst und bange werden. Sie zeichnet zugleich das beunruhigende Bild einer medialen Hysterie, die durch das Internet befördert wird, indem es die Möglichkeiten bereitstellt, anonyme, ungefilterte Hassbotschaften und Konspirationstheorien zu verbreiten. In dieser Hinsicht sind uns die USA bereits näher, als uns lieb sein kann.

Nick Drnasos Erzählung ist ein bewundernswertes Beispiel für die inzwischen wohl unbestrittene Fähigkeit der neunten Kunst, im doppelten Wortsinn ein Bild komplexer gesellschaftlicher Themen zu zeichnen und dem Leser eine Reihe beunruhigender Fragen mit auf den Weg zu geben.

Nick Drnaso
Sabrina
Graphic Novel
Blumenbar, Berlin 2019
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Coverabbildung © Blumenbar

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Klinisch-aseptische Welt: „Sabrina“ von Nick Drnaso, 5.0 out of 5 based on 1 rating

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