Klezmer meets Derwish: Das Ensemble Noisten geht den Schnittmengen innerhalb der Musikkulturen auf den Grund

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikVon Stefan Pieper.

Eine virtuose Klarinette im übermütigen Klezmer-Sound trifft auf den atmenden Klang der türkischen Ney-Flöte. Ein Tablatrommler überlagert das Spiel mit feingliedrigen rhythmischen Figuren. Gitarrist und Bassist bestimmten in solider Bandchemie die Richtung – so wie im Jazz, bei dem die tolerante Integration verschiedener Einflüsse wesensimmanent ist. Bei einem der erfolgreichsten Projekte „Klezmer trifft Derwisch“, erweiterte sich noch mal der Erfahrungsraum durch einen tanzenden Sufi-Derwisch. Und auch das führt immer wieder die Schnittmengen innerhalb scheinbar konträrer Musikkulturen ….

Der Wuppertaler Klarinettist Reinald Noisten studierte klassische Klarinette, aber er fühlte sich von der etwas akademischen Fixierung dieses Studiums und vielen Konventionen im Konzertbetrieb nicht wirklich ausgefüllt. Dann brachte ein musikalisches Erweckungserlebnis seine künstlerischen Vorbelastungen und seine spirituelle Suche in Einklang: Ein Konzert mit dem Klezmer-Kultmusiker Giora Feidman zeigte ihm, wie alles, was doch im Kern sehr eng miteinander verwandt ist, auf einer Konzertbühne vermittelt werden kann. 

Mehr als 20 Jahre nach der Begegnung mit Feidman liefert Reinald Noisten die Projekte wie Resultate einer produktiven Suche. Jüdischer Klezmer, türkisch-arabische Musik, aber auch hinduistische Rhetorik und die Mystik der Sufi – die Band auf der Bühne in Marl weiß aus diesem Miteinander eine erstaunliche Schnittmenge herauszudestillieren.

Bandleader Reinald Noisten improvisiert und phrasiert virtuos, aber tiefenentspannt auf Klarinette und manchmal auf Saxofon -wobei viele überlieferte jüdische Lieder ins Spiel kommen. Klezmermusik mit ihren hyperaktiven Rhythmen und ihren orientalisch-osteuropäisch-modalen Melodien ist so beweglich wie die jiddische Kultur selbst, die sich in so vielen Ländern und Regionen bediente und eigene Einflüsse ausbreitete. Schlagzeuger Shanmugalingam Devakuruparan nutzt vor allem die Tablas aus der klassischen hinduistischen Musik, kreiiert aber etwas Eigenes, Offeneres daraus, eben um die anderen Kultureinflüsse in Noistens Band flexibel zu „beantworten“. Perkussion gemäß indisch-hinduistischer Diktion bleibt immer eine sehr rhetorische Angelegenheit – Trommelkunst setzt immer die Fähigkeit voraus, die rhythmische Struktur auch vokalisieren zu können. Der virtuose Perkussionspieler stammt aus Sri Lanka, musste dort aber schon vor 30 Jahren vor dem Bürgerkrieg fliehen und bereichert seitdem von Krefeld aus mit seinen vielseitigen Projekten die Musikszene. Derweil Gitarrist Claus Schmidt und Bassist Andreas Kneip ihre kulturenübergreifenden Erfahrungshorizonte der großen Sache widmen und das Ganze zu vernetzen helfen. Murat Cakmaz bereichert das Ensemble Noisten an diesem Abend als ergreifender Sänger und als hypnotischer Spieler auf der Ney-Flöte. Er wuchs in Wesel in einer türkischen Musikerfamilie auf und machte sich vor allem als Gründungsmitglied des Dortmunder Transoriental Orchestras einen Namen. Im Gespräch nach dem Konzert definiert dieser vielseitige Musiker seine künstlerischen Ideale ganz im Sinne der legendären Band „Embryo“, die seit den 1970ern auf musikalische Weltreisen ging, was ganz viel mit Kommunikation und Austausch und ganz wenig mit Aneignung zu tun hat.

In ausgesuchten Passagen der Musik zeichnet der Sufi-Derwisch Talip Elmasulu seine meditativen, rotierenden Tanzfiguren, was der Musik jenseits des rein Visuellen eine transzendentale Dimension gibt. Wie kann ein normaler Mensch diese Drehbewegungen nur aushalten? Talip Elmasulu strahlt dabei einen tiefen inneren Ruhezustand aus. Genauso beschreibt er diesen Prozess hinterher im Gespräch: Vor Jahren entdeckte der heute in Essen Lebende den Sufismus – diese besondere Praxis im Islam, die eben kaum etwas mit Unterwerfung und Dogmatik zu tun hat. Hauptberuflich arbeitet Elmasulu im physiotherapeutischen Bereich, unter anderem als Trainer für Wassergymnastik, was durchaus nach einem ganzheitlichen, damit sehr gut harmonierenden Lebenskonzept klingt. Im Tanz entwickelt er nach eigenem Bekunden eine verstärkte Achtsamkeit nach innen, um mit sich und der Welt in Einklang zu treten.

Hier geht’s zu allen Tonträgern des Ensembles.

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