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Nur einen Pfeilschuss vom Ort seiner Uraufführung im Jahre 1666 entfernt geht derzeit die Pariser Neuinszenierung des Menschenfeinds von Molière über die Bühne. Die Inszenierung von Hausregisseur Clément Hervieu-Léger vermochte unseren Korrespondenten Stephan Reimertz allerdings nicht zu überzeugen

Die Typen, die uns Molière auf die Bühne stellt, sind Ururenkel der Figuren der Commedia dell’Arte, zugleich aber sind sie unsere Zeitgenossen, Bekannten, Freunde, ja wir selbst: Der eingebildete Kranke, der Geizige, der Bigotte, der Menschenfeind. Letzterer, le Misanthrope, ist zweifellos eines der meistgespielten Stücke der Weltliteratur. In ihrer 350jährigen Geschichte hat die bittersüße Komödie über den schlechtgelaunten Alceste jede nur mögliche Gestalt angenommen, je nach Zeitgeist und politischen Umständen. Der vierzigjährige Schauspieler Loïc Corbery platziert die Figur in der neuen Inszenierung von Clément Hervieu-Léger an einem Extrempunkt: Der jünger aussehende Akteur, bockig und schlaksig wie der kleine Junge in Pasolinis Film Mama Roma, interpretiert Alceste als einen von mittelschwerer Depression befallenden Verzweifelten. Das ist plakativer und darum einfacher zu spielen als jene enttäuschten Liebhaber, hochfahrenden Weltmänner oder philosophischen Sonderlinge, als die wir Alceste sonst erleben.

Szenarist Eric Ruf schafft einen ausgesprochen unentschiedenen Bühnenraum, in dem nur ein paar Verzierungen der Holztäfelung und alte Sessel an die feudale Gesellschaft erinnern, in der die Komödie zur Zeit ihres Schöpfers angesiedelt war. Ob Regisseur Clément Hervieu-Léger in seiner durch und durch konventionellen Inszenierung eine pseudofeudale Gesellschaft von heute zeigen will oder nicht, bleibt sein Geheimnis. Was er tatsächlich zeigt, ist eine pseudointellektuelle Schickeria, die sich selbst spielt. Das künstlerische Getue der Akteure ist auch privat schwer erträglich.

Diese Personen sind durchweg Plebejer, das gilt besonders für Adeline d’Hermy in der Rolle der Célimène. Sollte sie tatsächlich eine junge adelige Witwe darstellen, wäre sie eine glatte Fehlbesetzung. Als Komödiantin mit Hang zum Vulgären und mit schriller Stimme zieht sie das ganze Stück in den Bereich des Vorstadttheaters.

Alceste alias Loïc Corbery fällt als Inhaber der alleinseligmachenden Eigentlichkeit zwischen Abwendung und Geschrei hin und her. Auch die anderen Akteure erheben oft die Stimme. Nun ist Schreien auf dem Theater immer ein Zeichen von schauspielerischer Schwäche. Hier allerdings fehlt nicht nur ein überzeugendes Regiekonzept, sondern vor allem die Delikatesse, Feinsinnigkeit, das Raffinement, mit dem allein man Molière angemessen inszenieren kann. Die Inszenierung hält sich auf mittlerer Qualitätsstufe, und das reicht an einem Ort wie der Comédie Française nicht.
Kein Menschenfeind für den Theaterfreund: Le Misanthrope von Molière an der Comédie Française

Comédie Française
1 Place Colette
75001 Paris