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Man kann, sagt Dirk Fischer, Gründer von Solaire Records.

Kann man in Zeiten von Streaming und Downloads noch ein Music Label für klassische und zeitgenössische Musik gründen, das den Anspruch hat, mehr zu sein als ein weiteres x-beliebiges Label?

© Dirk Fischer

Feuilletonscout: Sie haben Ende 2015 ein eigenes Music Label gegründet, Solaire Records. In Zeiten, in denen die Digitalisierung so weit fortgeschritten ist und Musik einfach aus dem Internet heruntergeladen  werden kann, klingt die Gründung eines Music Labels fast antiquiert. Muss man ein wenig altmodisch sein, wenn man eine solche Gründung wagt?
Dirk Fischer: Wir denken, dass gerade in der heutigen Zeit des Überangebots an Musik ein Label wieder Sinn macht. Wir orientieren uns an der Beginnzeit der Aufnahmeindustrie, denn diese wurde geprägt durch eine große Begeisterung für das neue Medium und ein hohes Maß an Kreativität, welches in die Produkte eingeflossen ist. Daran möchten wir anknüpfen, und vielleicht bedeutet für uns „altmodisch“ daher in gewisser Weise „modern“.

Feuilletonscout: Sehen Sie sich mehr als Künstler oder als Techniker?
Dirk Fischer: Mit dieser Frage wird man von Beginn an konfrontiert und auch gerne in die eine oder andere Schublade abgelegt. Persönlich denke ich, dass es einen großen Graubereich gibt jenseits dieser beiden Begriffe, Kunst und Technik. Irgendwo dort, zwischen künstlerischen Visionen und ihrer technischer Übersetzung, den Intentionen der Musiker und den Erwartungen der Hörer, von buchhalterischen Angelegenheiten zur Einhaltung von Zeitplänen – dort tummle ich mich.

Feuilletonscout: Und jetzt noch mit einem eigenen Label – bestimmt da nicht auch der Kaufmann entscheidend mit?
Dirk Fischer: Böse Zungen behaupten ja, man könne mit Musikaufnahmen kein Geld mehr verdienen… im Ernst: auf Dauer muss es für das Label natürlich eine wirtschaftliche Basis geben. Gleichzeitig war Solaire für mich aber vielmehr eine Möglichkeit, endlich eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die ich mir schon seit langem gewünscht hatte – seien es die Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten wollte oder der Anspruch an die Qualität der eigenen Arbeit.

Feuilletonscout: Wie viel Anteil an der Interpretation und der Art der Aufnahme hat der Produzent?
Dirk Fischer: Im Idealfall sorgt der Produzent dafür, dass die Vision des Künstlers im Gesamtprodukt reflektiert wird. In der Praxis ist der Aufnahmeprozess aber immer eine Kommunikation zwischen dem Künstler und dem Produzenten, und das Ergebnis wird auch seinen Stempel tragen. Es ist durchaus interessant, wie sehr sich das sowohl zum Positiven, als auch zum Negativen auswirken kann.

Feuilletonscout: Nachdem Sie viele Jahre in den Niederlanden gearbeitet hatten, hat es Sie in die Ferne gezogen: Nach Hongkong, Singapur, China und Russland. Nicht gerade Länder, auf die man als erstes kommt, um klassische Musik zu produzieren. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Dirk Fischer: Das hatte auch persönliche Gründe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich einige Jahre für einen Musikverlag gearbeitet und war nicht nur mit meiner Arbeitsumgebung sehr unzufrieden, sondern auch mit meinem sozialen Umfeld. Da kam die Gelegenheit, in der Firma eines alten Kollegen in Singapur einzusteigen, genau richtig. Asien teilt zwar nicht unsere Kulturgeschichte und klassische Musik hat weiterhin für die große Masse der Menschen eine geringfügige Bedeutung, die Zahl der Liebhaber steigt jedoch stetig. Was viele nicht wissen, Länder wie Singapur, Malaysia und China besitzen fantastische Konzertsäle.
Russland hat natürlich eine große Tradition mit klassischer Musik, allen voran St. Petersburg, wo ich viel gearbeitet habe. Mein erstes Projekt dort ist zustande gekommen durch eine Zusammenarbeit mit einem chinesischen Komponisten, den ich in Beijing kennengelernt hatte. Für ihn habe ich dann in kürzester Zeit Orchester, Dirigent und Aufnahmestudio organisiert, und vor Ort dann in seiner Anwesenheit die Aufnahmen produziert. Ich begab mich auf Neuland und viel konnte schief gehen, aber zum Glück waren die Aufnahmen ein großer Erfolg. Dadurch ergaben sich dann wieder neue Möglichkeiten, so habe ich für Naxos mit dem St. Petersburg State Symphony Orchesterwerke von Weinberg produziert und für befreundete Komponisten aus Europa Filmmusik aufgenommen.

Feuilletonscout: Nun haben Sie sich in Berlin niedergelassen. Was zog Sie wieder nach Deutschland und nach Berlin?
Dirk Fischer: Ich brauchte wieder einen Lebensmittelpunkt, der mich in ruhigere Bahnen leiten würde. Der Alltag in Metropolen wie Beijing und St. Petersburg ist anstrengend und die unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen können auf Dauer schon sehr konfrontierend werden – vor allem wenn man, wie ich, wie ein Einheimischer gelebt hat. Außerdem wurde mir klar, dass ich mich in meinem Alter entscheiden musste, in welche Richtung es weitergeht. Mir waren da unsere westeuropäischen Werte und das, vielleicht weniger dynamische, aber dafür stabilere Leben in Deutschland, wichtiger. Berlin hatte mich schon seit langem fasziniert und war daher erste Wahl.Nimrod Borenstein

Feuilletonscout: Für Ihre ersten beiden Produktionen haben Sie sich gleich sehr Ungewöhnliches ausgesucht: Von Franz Liszt die zwei Franziskus-Legenden und Suspended op. 69 von Nimrod Borenstein. Was ist das Besondere an diesen Werken?
Dirk Fischer: Wenn man heutzutage Musik veröffentlichen will, sollten die Aufnahmen begeistern. Borensteins Kompositionen zeichnen sich durch einen ganz eigenen Stil aus, der eingängig und zugleich sehr raffiniert ist. Es gibt in dieser Musik sehr viel zu entdecken, aber sie vermittelt auch dem ungeübten Hörer ein Gefühl, das ihn fasziniert. Borenstein kreiert verschiedene individuelle Lagen, die sich gleichzeitig über- und untereinander abspielen, jedoch nie vom Gesamteindruck ablenken. Bei all den, teils durchaus begründeten Vorurteilen gegenüber zeitgenössischer Musik, finde ich diesen Aspekt sehr spannend.
Der franziskanische Liszt, wie Sandro Ivo Bartoli ihn getauft hat, beschreibt eine Zeit im Leben des Komponisten, während der er radikal mit seiner Vergangenheit gebrochen hat. Er war deutlich von den Spuren seiner Krankheiten geprägt, wurde mit dem Tod seiner Tochter konfrontiert und kämpfte sogar mit Selbstmordgedanken. Dieser Mann, der sein Leben lang im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden hat, wendete sich nun dem Glauben zu, spendete einen großen Teil seines Vermögens an wohltätige Zwecke und begann eine Musik zu schreiben, die so neu geklungen hat, dass einige seiner Zeitgenossen daran verzweifelt sind. Die beiden Legenden gehören sicherlich zu den berühmtesten Werken Liszts aus dieser Zeit, aber für mich sind die unbekannteren, teils introvertierteren Stücke, die Bartoli für die Aufnahme zusammengebracht hat, die wirklichen Sensationen – allen voran das Ave Maria S.189 (Die Glocken von Rom).

Feuilletonscout: Wie haben Sie die Musiker gefunden?
Dirk Fischer: Nimrod Borenstein habe ich über meinen Bruder, Tobias Fischer, kennengelernt. Tobias ist Journalist und hatte Herrn Borenstein für seine Website 15questions.net interviewt. Ich habe mir damals auf sein Anraten hin eine Aufnahme von Borensteins Cellokonzert angehört, die mich wahrlich umgehauen hat – bis heute finde ich das Stück etwas ganz besonderes.
Mit Sandro Ivo Bartoli hatte ich bereits in 2012, während Aufnahmen in St. Petersburg, zusammengearbeitet. Seitdem sind wir in regem Kontakt geblieben, und mit der Gründung Solaires ergab sich die Möglichkeit, Sandros Idee, die franziskanischen Werke Liszts aufzunehmen, umzusetzen.

Sandro Ivo Bartoli: The Fransiscan WorksFeuilletonscout: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit ihnen? Nimrod Borenstein z.B. gilt als jemand, der eigentlich lieber allein arbeitet.
Dirk Fischer: Herr Borenstein hat eine extrem deutliche Vorstellung davon, wie seine Musik zu klingen hat. Man muss das auch verstehen, denn er lebt ja schon langer Zeit mit ihr zusammen: er hat sie im Kopf gehört, auf der Geige und dem Klavier gespielt und schließlich aufgeschrieben – das steht im Gegensatz zu den Musikern, die seine Musik oft zum ersten Mal auf dem Notenpult sehen. Genau das ist ja einer der großen Herausforderungen moderner Musik: sie hat nicht den „Heimvorteil“ der Werke der großen Meister der Musikgeschichte, die jeder klassisch ausgebildete Musiker schon während seines Studiums hunderte Male spielt. Ich habe ‚das freie orchester Berlin‚, mit dem wir ‚Suspended op.69‘ eingespielt haben, gegründet, um an diesem Punkt anzusetzen. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, zeitgenössische Musik mit der gleichen Sorgfalt und Respekt zu behandeln, wie das Standardrepertoire, denn nur dann gibt man ihr die Chance, die sie verdient hat. Die Arbeit mit Herrn Borenstein war sehr intensiv, aber schlussendlich waren alle auf derselben Wellenlänge. Da haben Maestro Laércio Diniz und das Orchester ganz große Arbeit geleistet.
Die Zusammenarbeit mit Sandro Ivo Bartoli war besonders beeindruckend, denn er ist für mich nicht nur einer der spannendsten Pianisten unserer Zeit, sondern wir hatten uns auch das kühne Ziel gesetzt, die ganze CD in nur einem Tag aufzunehmen. Es hat uns dann auch nicht überrascht, dass es ein langer, anstrengender Tag wurde, mit viel Kaffee… aber wir haben es geschafft! Ich habe mit vielen außergewöhnlichen Künstlern zusammengearbeitet, kenne aber keinen anderen, der dazu in der Lage wäre.

Feuilletonscout: Waren Sie aufgeregt, als die ersten Produktionen Ihres eigenen Labels fertig waren?
Dirk Fischer: Auf jeden Fall! Es ist schon etwas Besonderes, wenn man nach monatelanger Arbeit endlich das physische Produkt in Händen hält. Wir hatten uns ja als Ziel gesetzt, zwei perfekte Produkte abzuliefern. Mit den vielen Variablen, denen wir ausgeliefert waren, war das ganz schön hoch gesteckt. Zum Glück haben sich da die Stärken des gesamten Teams bewiesen, von meinem Bruder, Tobias, bis hin zur Fotografin, dem Designer und der Firma in Berlin, die für uns das Druckwerk und die CDs pressen lässt. Wirklich jeder hat sich den Geist hinter Solaire verinnerlicht und zu Herzen genommen. Das könnte ich auch nicht alleine bewältigen, dafür sind unsere Produkte zu speziell.

Feuilletonscout: Wie waren die Reaktionen?
Dirk Fischer: Wir haben ohne Ausnahmen nur gute Reaktionen bekommen, sogar bei den oft harten Kritikern der Klassik-Szene sind unsere Produkte gut angekommen. Ich glaube, unser Ansatz, kompromisslos für Qualität und inhaltlichen Tiefgang zu gehen, wurde verstanden und angenommen. Darauf hatten wir gehofft und sind auch durchaus stolz, bewiesen zu haben, dass es noch immer genügend Nachfrage und Interesse für anspruchsvollen Inhalt gibt.

Feuilletonscout: Haben Sie manchmal Zweifel an dem, was Sie tun? An dem Wagnis des eigenen Labels?
Dirk Fischer: Wissen Sie, ich mache nun schon seit beinahe 20 Jahren die Erfahrung, dass wirklich jeder, der seinen eigenen Weg geht und etwas neues, bewegendes erschaffen will, irgendwann auf Hindernisse stoßen wird.  Ich glaube, Steve Jobs hat mal gesagt, man muss dafür schon ein bisschen verrückt sein, denn jeder normale Mensch hätte schon längst aufgegeben… Natürlich gibt es Momente, an denen ich verzweifele, vor allem, wenn Sachen mal wieder etwas länger dauern, als ich es gerne hätte! Meistens aber genügt dann ein ermutigendes Wort meiner Frau, um mich wieder daran zu erinnern, dass ja eigentlich alles gut läuft.

Feuilletonscout: Was ist Ihr musikalischer oder unternehmerischer Traum?
Dirk Fischer: Es gibt einige Projekte, die ich schon seit vielen Jahren realisieren möchte, wozu ich mit Solaire nun endlich die passende Plattform geschaffen habe. Dabei handelt es sich um eine ganze Serie von Aufnahmen der Musik von Komponisten, die meiner Meinung nach zu Unrecht nur sehr wenig Aufmerksamkeit bekommen. Dieser Traum wird, wie es derzeit aussieht, tatsächlich Realität.
Aus unternehmerischer Sicht wäre es ein Traum, Partner zu finden, die bereit sind, unsere Projekte zu unterstützen. Wir glauben, dass unsere Veröffentlichungen wirklich etwas Besonderes sind, und haben die Künstler auf unserer Seite. Die wirtschaftliche Umsetzung bleibt aber weiterhin eines der größten Herausforderungen.

Feuilletonscout: Wie sind Ihre nächsten Pläne?
Dirk Fischer: Ende September nehmen wir Solo-Klavierwerke des niederländischen Pianisten Erik Lotichius auf, mit dem fantastischen Pianisten Ralph van Raat. Im Oktober veröffentlichen wir eine Doppel-CD mit Werken des amerikanischen Komponisten Jeffrey Roden – sehr spannende, minimale Musik, die sich irgendwo zwischen Arvo Pärt und Morton Feldman ansiedelt. Daneben sind wir inmitten verschiedener Vertragsbesprechungen zu neuen Veröffentlichungen – das nächste Jahr wird uns gut beschäftigen!

Vielen Dank, Dirk Fischer!

Nimrod Borenstein
Suspended Op. 69
Solarie Records, 2016
Nimrod Borenstein: Suspended Op.69

Sandro Ivo Bartoli
Franz Liszt: The Franciscan Works
Solaire Records, 2016
Sandro Ivo Bartoli: Franz Liszt „The Franciscan Works“

 

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