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frank von frei_LogoEine Kurzgeschichte von frank von frei

„Können Sie mir vielleicht helfen?“, fragte er mich höflich und unaufdringlich, in etwa so, wie sich ein Mensch in einer fremden Stadt bei einem anderen, dem Anschein ortsbewanderten und ihn nicht brüsk abweisenden, nach dem Weg erkundigt und doch vermeinte ich, über diese unaufdringliche Höflichkeit hinaus, in seiner Stimme auch ein gewisses Maß an aufgeregter Verzweiflung gepaart mit resignierender Frustration herauszuhören.

Instinktiv rückte ich einen Schritt von ihm ab und zeigte mich seinem Anliegen gegenüber offen: „Ja, bitte, wenn ich es kann.“ Mit seinen schmutzigen Fingern hielt er mir einen zerknitterten, oftmals aufgefalteten Zettel hin, auf dem einige Adressen mit blauem Kugelschreiber hin gekritzelt standen: „Wissen Sie, wo das ist? Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Ich muss schlafen. Ich brauche Hilfe, sonst bin ich vollkommen im Arsch.“

Bevor ich das, aus einer karierten Kladde herausgerissene, Stück Papier in meine rechte Hand nahm, warf ich noch einen kurzen Blick auf den Menschen, der ein wenig seitlich von mir zu meiner Linken in Zeitlupe von einem Bein auf das andere trat. Ob er das aus Verlegenheit oder zutiefst menschlichem Grund tat, wusste und interessierte mich aber in diesem Moment nicht, spielte es, wenn überhaupt nur eine Komparsenrolle.

Bereits eine halbe Stunde zuvor war mir dieser Mann aufgefallen. Während ich direkt an der Spree vor Jannowitzbrücke auf einer Holzbank an einem Holztisch saß und einen Kaffee trank, den ich mir in der Filiale imitierender Bäckereikunst unmittelbar am Ausgang der S und U- Bahnstation Jannowitzbrücke Richtung Brückenstraße gekauft hatte, fiel mir auf, wie er, den Oberkörper stark gekrümmt und das rechte Bein nachschleifend, den einen oder anderen Passanten ansprach, den er aufgrund seiner schleppenden Langsamkeit erreichen konnte.

Bei vielen gelang ihm das nicht, wichen die meisten ihm doch, rechtzeitig die Gefahr einer menschlichen Herausforderung ihres dürftigen, ihnen aber voll und gänzlich genügenden Menschseins erkennend, entsetzt aus, als käme plötzlich ein Schreckgespenst durch das Tor einer entschämten, schandreichen Welt, die sich aus dem Salz des Elends baute, aus dem Essig der Hoffnungslosigkeit tränkte und aus der Leichensüße der Ausweglosigkeit nährte, auf sie zu gesprungen, um sie ihres wohlverdienten Krümelchen Kuchens zu berauben.

Auch hatte er das, zwei Tische vor mir sitzende Pärchen angesprochen, mich jedoch nicht, bis er dann den Versuch an diesem Ort aufgab und meinem Blick entschwand, wobei sich meine Gedanken im Wesentlichen bei dem, mir bald bevorstehenden, Nachhausweg von circa anderthalb Kilometer befanden, denn auch ich war an diesem Tag, wie auch er, nicht besonders gut zu Fuß. Manche Menschen bezeichnen Menschen wie ihn verächtlich als Penner, manche mit geheucheltem Mitgefühl als Obdachlosen und jene, deren Verstand auf besonders perfide Weise verbeamtet ist, als Person ohne festen Wohnsitz. Doch alle diese Bezeichnungen in ihrer Abscheulichkeit treffen es nicht. Menschen wie er sind Vergessene. Von unserer Gesellschaft vergessene. Von unserer Gesellschaft erst ausgestoßene und dann vergessene Menschen. Egal aus welchem Grund. Egal, wie lange ein solch Vergessener sich nicht waschen konnte, so schmutzig, dreckig, krätzig und verlaust wie wir, wie unsere Gesellschaft, die das zulässt, wird er niemals sein.

Nach dem ich den Zettel gelesen hatte, murmelte ich nur: „Die Prenzlauer Allee ist aber ein Stück weg.“ Es war die einzige Straße, mit der ich etwas anfangen konnte. „Da will ich auch nicht hin. Da komme ich nicht unter, die sind voll belegt“, antwortete er ruhig. Erst jetzt begriff ich, dass er eine Übernachtungsmöglichkeit suchte und erkundigte mich, von wem er diese Adressen bekommen hätte. „Von der Bahnhofsmission“, erklärte er, die hätten ihm die Anschriften der Obdachlosenheime aufgeschrieben und dann fortgeschickt. Ich verstand es nicht. Warum kümmerten sich die Leute von der Bahnhofsmission nicht weiter um den Mann, es war doch nicht zu übersehen, dass er Hilfe benötigte.

Er tippte mit dem Zeigefinger auf eine andere Adresse und meinte: „Da war ich noch nicht…“, darauf zeigte er auf die darunter stehende „…hier kostet es vier Euro sechzig.“ Ich überlegte nur kurz, nahm einen Zehner aus meiner Brieftasche und gab ihm den Schein: „Für Sie. Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Glück. Hoffentlich ist dort noch was frei für heute Nacht.“

Überrascht schaute er mich an: „Ich wollte kein Geld. Ich bin kein Bettler“, sagte er mit unverkennbarem Scham in der Stimme. Das lag nicht in meiner Absicht, dachte ich noch und merkte wie das Blut in mir hochschoss. Keineswegs wollte ich ihn in seinem Stolz verletzen oder zu nahe treten. Mit ausgestreckter Hand hielt er mir den Zehner entgegen. Geflissentlich übersah ich seine auffordernde Geste und blickte ihm das erste Mal in seine braunen Augen. Genauso braun wie meine, erkannte ich und mein seltsames Hirn rezitierte in aller Stille und unpassender Weise einen Kindersvers: Blaue Augen/ Himmelsterne/mögen alle Mädels gerne/ grüne Augen/ Froschnatur/ von der Liebe keine Spur/ braune Augen sind gefährlich/ aber in der Liebe ehrlich.

Was das in diesem Moment sollte, werde ich nie erfahren, jedenfalls verhalf mir diese Hirnrezitation zu meiner Schlagfertigkeit zurück: „Das ist kein Geld. Nur eine Übernachtung für Sie. Schlafen Sie sich aus. Viel Glück wünsche ich Ihnen“, sprach ich zu ihm und setzte abrupt meinen Weg fort, was ihn um die Möglichkeit brachte, mir das Geld doch noch zurückzugeben, denn trotz meiner Schmerzen und meines Humpelganges, gegen ihn war ich ein Rennpferd.

Diese Begegnung begab sich vor zwei Wochen. Heute, nach Erhalt der Nebenkostenabrechnung schoss sie mir durch den Kopf. Was ärgerte ich mich über die bevorstehende Nachzahlung?

Ich musste nicht frieren im Winter. Er ja.
Ich hatte genug zu essen. Er fast nie.
Ich konnte mich und meine Wäsche waschen. Er nicht.
Ich konnte zum Arzt. Er nicht.
Ich hatte ein Dach über dem Kopf. Er nicht.

 

frank von frei_Holger Kasnitz_web

© Holger Kasnitz

Der Autor:
frank von frei lebt und arbeitet in Berlin als Dozent in der Erwachsenenbildung und beim Künstlerradio reboot.fm mit Sitz im Haus der Kulturen der Welt. Wenn er Ruhe und Stille findet, dann schreibt er.
Bisher veröffentlichte er vier Romane und drei Lyrikbüchlein. Mehr hierzu auf der Homepage des Autors

 

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