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Intime Blicke und große KunstDas Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen hat eine zauberhafte Ausstellung großer Künstler zusammengestellt und gewährt einen Blick durchs Schlüsselloch. Von Barbara Hoppe

Etwas versteckt liegt des Paula-Modersohn-Becker Museum in einer der schönsten Straßen Bremens, der Böttcherstraße. Ihr heutiges Aussehen erhielt sie zwischen 1922 und 1931, als der Kaufmann Ludwig Roselius den Verwaltungssitz seiner Firma dorthin verlegte und die kurze Straße nach Entwürfen des Architekten und Malers Bernhard Hoetger ganz im Stil des Expressionismus neu gestalten ließ. Täglich drängeln sich heute in der denkmalgeschützten Straße, die im Mittelalter noch Böttcher, Kimker, Fass- und Zubermacher beherbergte, die Touristen. Trotzdem hat sie nichts von ihrem Zauber verloren. Es gibt wohl keinen schönen Ort für das kleine Museum, das sich der Kunst der viel zu früh verstorbenen expressionistischen Malerin Paula Modersohn-Becker verschrieben hat und immer wieder mit feinen Ausstellungen glänzt.

Noch bis Anfang Februar zu sehen ist die wunderbare Schau „Schlaf. Eine produktive Zeitverschwendung“. Fünf Themenräume erstrecken sich über drei Etagen in dem schmalen Haus, rund 70 Exponate erlauben einen Blick auf den Zustand, dem wir alle bis zu einem Drittel unseres Tages schenken. Da ist der private und der öffentliche Schlaf, der intime, zumeist erotisch angehauchte, der märchenhafte Schlaf nebst Schlaflosigkeit und der Künstlerschlaf. Künstler wie Gustave Courbet, Andy Warhol, Edvard Munch, Martin Eder, Sophie Calle, Ernst Barlach und natürlich Paula Modersohn-Becker blicken auf den reglosen Zustand, der den Schlafenden ins Land der Träume führt.

Paula Modersohn-Becker beispielsweise  zeichnete ihren Mann Otto Modersohn während er schlief: Ein sehr persönlicher, liebevoller Blick einer Frau auf ihren Gatten.

Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn schlafend, 1907, Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen

Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn schlafend, 1907, Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen

Oskar Moll hält seine schlafende Frau Marg auf der Hochzeitsreise bildnerisch fest. Andy Warhol hingegen filmte seinen Partner über fünf Stunden, der ruhig atmend und nackt im Bett schlief. Entzückend die kleine Zeichnung von Adolphe von Menzel „Die schlafende Näherin am Fenster“, in der der Künstler seine Schwester Emilie 1843 verewigte. So natürlich sinkt der Kopf der Frau gegen das Fenster, die Näharbeit im Schoß. Wie die Momentaufnahme eines Nickerchens wirkt das Bild.

Ganz anders hingegen die „Ziehleute beim Nickerchen in der Berliner S-Bahn“. Das Foto von Friedrich Seidenstücker zeigt sie erschöpft mit vornüber gesenktem Kopf auf harten Sitzbänken während draußen die Häuser vorbeirauschen. Der Kontrast zwischen dem Privaten des Schlafs und seiner öffentlichen Zurschaustellung könnte nicht deutlicher sein.

Eine Ausstellung über den Schlaf ohne Erotik ist nicht vorstellbar. Und so widmet sich „Der intime Schlaf“ ganz dem Sujet des Aktes und des Bettes. Freizügige Posen, räkelnde Frauen – im Auge des Betrachters fast schon (kunstbetrachtende) Gewohnheit im Vergleich zu den ungewohnten Einblicken in das Private im Raum davor. Fast atmet man vor Munchs Radierung „Der Tag danach“ auf – hier ist nichts gesagt, aber alles angedeutet. Die eigene Fantasie macht mehr Spaß als der offensichtliche Voyeurismus auf nackte Schenkel.

Edvard Munch, Der Tag danach, 1894, Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen – Kupferstichkabinett, Foto: Die Kulturgutscanner Rosenau

Edvard Munch, Der Tag danach, 1894, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen – Kupferstichkabinett, Foto: Die Kulturgutscanner Rosenau

Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker, die Kollegen in der Künstlerkolonie Worpswede, konnten sich kaum unterschiedlicher dem Dornröschenschlaf nähern. Während Vogelers Radierung den Moment vor dem erlösenden Erweckungskuss festhält, liegt Paula Modersohn-Beckers Dornröschen in schwerem Schlaf, der Kopf in der Armbeuge ruhend und dennoch weit farbenfroher. In spannendem Kontrast dazu der fünfstündige Film von Mark Wallinger, der 2004 im Bärenkostüm eine Nacht lang durch die Neue Nationalgalerie in Berlin wanderte. Der Glasbau wie ein Käfig, der Künstler den Blicken der Passanten ausgesetzt.

Im letzten Raum dann der Schlaf des Künstlers. Ob im Schatten eines Baumes oder als mehrstündige Performance wie bei Ulrike Rosenbach – man staunt was der Schlaf so alles hergibt. Ein einzigartiger Blick wie durch ein Schlüsselloch auf einen Moment größter Intimität.

Schlaf. Eine produktive Zeitverschwendung.
Ausstellung bis zum 4. Februar 2018

Paula Modersohn-Becker Museum
Ludwig Roselius Museum
Sammlung Bernhard Hoetger
Böttcherstraße 6–10
28195 Bremen

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 11–18 Uhr
Montag: geschlossen

9 Euro/6 Euro

 

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