Igor Strawinsky “L’histoire du soldat”

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Studioproduktion aus Montreuil zum 100. Jubiläum der Uraufführung. Von Ingobert Waltenberger.

Vor Ausbruch des ersten Weltkriegs verbrachten Strawinsky und seine Familie die Sommer in Russland und jeweils Herbst und Winter in der Schweiz. Der Ausbruch des militärischen Konflikts zwang die Familie, die Jahre 1914 bis 1920 ganz in der Schweiz zu verbringen. 1918 entstand dort auch die Geschichte des Soldaten. Librettist Charles Ferdinand Ramuz beschreibt darin die Mär des geigenden Soldaten Joseph, dem der Belzebub ganz in mephistofelischer Manier im Tausch gegen ein magisches, Reichtum versprechendes  Buch seine Fidel abknöpft. Er begleitet den armen Soldaten drei Tage, die sich im Nachhinein als drei Jahre erweisen. Fahnenflüchtig retour in seinem Dorf, muss er feststellen, dass seine Braut verheiratet ist. Später heilt er die Tochter des Königs dank der im Spiel und Suff dem Teufel wieder abgefuchsten Violine von einer schweren Krankheit. Joseph heiratet die Schöne und verfällt in seinem ursprünglichen Dorf wieder der Macht des Teufels. Die Moral von der ,Geschicht‘: Der Teufel versteht vom Fiedeln nix, der Soldat nicht weniger von übel erlangtem Reichtum.

Strawinksy, dem im Exil nach der Oktoberrevolution alle Mittel abhandengekommen waren, wollte mit der ,Geschichte des Soldaten‘ eine Art ,Wandertheater‘ für Arme (lt. Boulez) mit Schauspielern, einer Tänzerin und einem kleinen Ensemble von sieben Instrumenten (Violine, Kontrabass, Klarinette, Fagott, kleines Ventilhorn, Posaune und umfangreiches Schlagzeug) begründen. Die Geschichte des Soldaten wurde unter der Stabführung von Ernest Ansermet in Lausanne am 28. September 1918 uraufgeführt, also ca. 6 Wochen vor Ende des ersten Weltkriegs am 11. November.

Die Musik lässt Einflüsse des Klezmer, von ungarischer Folklore und improvisiertem Jazz erkennen. Stravinsky schöpft mit Marsch, Tango, Walzer, Paso Doble und Ragtime aus einer reichen Stilkiste, die populären Formen selbst bis zur Parodie transformierend. Natürlich ist seine bisweilen neoklassische Musik rhythmisch akzentuiert und voll klanglicher Kontraste. In kleinerer Besetzung wird die Musik allein auch als Konzertsuite aufgeführt.

Als Schauspieler der Jubiläumsedition sind mit Didier Sandre als Vorleser, Denis Podalydes als hin- und hergerissener Soldat und der köstlich ,schwefelig‘ säuselnde Michel Vuillermoz als Teufel veritable Stars der Comédie Française aufgeboten. Expressiv gesprochene Dialoge, melodramatische Passagen und schräge bis drastisch dissonante Instrumentaleinlagen fügen sich zu einem plakativen Panorama über Krieg, die Macht und Ohnmacht von Musik, Verführung, Hybris und folgerichtiges Scheitern. Die Deftigkeit des märchenhaft bis ins Groteske verzerrten Sujets, die vielen emotionalen Schattierungen der Musik von paradehafter Gockelei bis zu zart kontemplativer Melancholie  als auch der faustische Text lassen auch heute noch niemanden kalt. Die ,Modernität‘ und Unbedingtheit der knapp und wirkungsvoll eingesetzten Mittel verblüffen den Hörer auch über 100 Jahre nach der Schöpfung dieses einzigartigen, im innersten so teuflisch sarkastisch bis stählern rhythmisch mit larmoyanten Einsprengseln genuin russischen Kunstwerks immer wieder. Die musikalische Seite des Unterfangens ist mit Olivier Charlier (Violine) und einem exzellenten Instrumentalensemble unter der Leitung von Jean-Christophe Gayot bestens bedient.

Die Texte im Booklet inkl. Libretto beschränken sich (leider) auf die französische und englische Sprache.

Igor Strawinsky
L‘Histoire du soldat
Harmonia Mundi 2018
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