Hörabenteuer der Sonderklasse: Oberton String Octet „Slavic Soul“

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Von Ingobert Waltenberger.

Was im Titel so plakativ programmatisch als ‚slawische Seele‘ auftaucht, ist in Wahrheit eine CD, die neue Räume eröffnet. Vom Repertoire her, weil kaum jemand Nikolai Afanasyev kennen dürfte, und auch die vorgestellten Werke für Streichoktett von Dmitri Shostakovich und Reinhold Glière alles andere als alltägliches Konzertrepertoire repräsentieren. Allerdings sind beim Label CAvi im August vergangenen Jahres genau diese beiden Werke kombiniert mit dem Klavierquintett Reynaldo Hahns in fis-Moll auf CD erschienen.

Auf jeden Fall setzt die international bunte Truppe des 2015 gegründeten Oberton Streichoktetts in ihrer bis ans Limit gehenden feurigen Spielweise, des intensiven Miteinander, der sinfonisch sportlichen Verschränkung der acht Instrumente, zwei klassischen Streichquartetten nachgebildet, neue Maßstäbe. Die Mitglieder kommen aus Lettland, Slowenien, der Ukraine, Russland, Italien, Österreich und Ungarn.

1875 wurde das Doppelquartett in D-Dur des russischen Violinvirtuosen, Dirigenten und Komponisten Nikolai Afanasyev veröffentlicht. Der Widmung „La Société de musique de chambre á St. Petersburg“ nach ist zu schließen, dass das Werk für das Einweihungsfest dieser St. Petersburger Gesellschaft für Kammermusik gedacht war. Das war aber eine gelungene Housewarming Party! Das Oberton Streichoktett scheint im Allegro moderato einen spielerischen Ringkampf austragen zu wollen. Da purzeln die Streicher übereinander her, eine Geige quietscht im Tumult auf, das Cello äußert missfällig ein Brummen. Die acht Musiker jagen temporeich dahin, bald in rhythmischer Eintracht, bald in harmonisch kühn übereinander gelagerten Stimmen, hübsch getrillert wird vor dem Abstrich. Das Scherzo lässt volksliedhaft gute Laune und ein harmonisches Miteinander einkehren, das Andante sostenuto erzählt von melancholisch sehnsuchtsgetriebener Einkehr und der nachdenklichen Ruhe infolge angeregter Unterhaltung. Im Allegro non troppo eilen die Themen wie ein Wirbelwind durch den Wald im eleganten Galopp ihrem Ende entgegen.

Das Album beginnt mit Zwei Stücken für Streichoktett Op. 11 des 18jährigen Dmitri Shostakovich, gleichzeitig mit der ersten Symphonie entstanden. Dem Prélude und Scherzo sollte eine Fuge folgen, von der leider nur Fragmente erhalten sind. Die Liebe zum Kontrapunkt und die künstlerische Überlebensstrategie mittels satirischer Groteske als zwei wesentliche Pole des Schaffens von Shostakovich schlagen schon in diesem Frühwerk voll durch. Gespielt wird kantig und expressiv, die schroffen Klanglandschaften taucht das Oberton Oktett gnadenlos in grelles Scheinwerferlicht. 

Das romantisch melodienseligste Stück des Albums ist wohl Reinhold Glières Streichoktett in D-Dur, op. 5. Der Ukrainer mit den deutschen Wurzeln hatte es 1899/1900 in einem wahren Schaffensrausch parallel zu anderen kammermusikalischen Werken und seiner ersten Symphonie komponiert. Russisches Sentiment bahnt sich immer wieder Bahn, das fabelhafte Oberton Streichoktett kleidet die dicht gewebte Musik in einen üppig wirkenden Orchesterklang. Meisterhafte melodische Eingebung, dramatische Steigerungen, glückvolles Miteinander. Uneingeschränkte Empfehlung!

Oberton String Octet
Slavic Soul
Shostakovich / Afanasyev / Gliére
Ars Produktion 2020
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Hörabenteuer der Sonderklasse: Oberton String Octet "Slavic Soul", 5.0 out of 5 based on 8 ratings
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