Heiligabend im Zug: Jan Beinßen „Mord im Santa-Express“

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.

Vielleicht sollte man das Buch im Zug lesen. Und dann am besten, wenn man unterwegs ist, um Weihnachten mit seinen Lieben zu feiern. Zugegeben, in diesem Jahr wird dies wohl weitaus seltener vorkommen als in der Vergangenheit. Aber man könnte sich ja auch vorstellen, auf Reisen zu gehen. So, wie man es sonst immer getan hat zu Weihnachten. Wenn man ein bisschen müde vom Jahr und dem Vorweihnachtstrubel endlich in den Sitz des ICE sinkt und ein wenig schläfrig den Feiertagen entgegenschuckelt.

Jan Beinßen Mord im Santa-Express

Es ist genau diese Stimmung, die „Mord im Santa-Express“ von Jan Beinßen braucht. Die Lektüre soll nicht überfordern, nicht zu kompliziert sein, doch gern auch ein bisschen unterhaltend. Mit sympathischen Protagonisten und merkwürdigen Gestalten, die harmlos daherkommen und doch irgendwie nicht ganz koscher scheinen. Als da wären Bruno Häusler, Kinderarzt in Hamburg, der mit dem letzten ICE des Tages am Heiligabend auf dem Weg nach München ist, um Weihnachten mit seinen Kindern zu feiern. Und Melanie, die Enddreißigerin, die nach der Trennung von ihrem Freund Hals über Kopf den Zug zur Freundin nimmt. Als in ihrem Abteil ein Mitreisender einen Herzanfall erleidet, eilt Bruno als Arzt herbei. Doch der Mann stirbt. War es wirklich ein natürlicher Tod? Bruno hat ein komisches Gefühl, auch wenn der herbeigerufene Notarzt am Bahnhof von Würzburg stur Herzinfarkt diagnostiziert. Doch die alte Dame, der Kellner, der Mann mit dem gelben Pullunder, ein mysteriöser Weihnachtsmann, der Schokolade verteilt, und ein Zugpersonal, das nie da ist, wenn man es braucht, lässt den Leser bald neugierig weiterlesen. Ein sachtes Agatha-Christie-Feeling verbreitet sich, weiß man doch irgendwie, dass bei keinem der Fahrgäste irgendwas stimmt. Doch was den Briten die Exzentrik, ist den Deutschen ihr gänzlich unexzentrisches Bahnfahren. Etwas eintönig, mitunter holprig, mit gelegentlichen Landschaftshighlights, unplanmäßigen Stopps und Fahrkartenkontrollen ist es ein bisschen so wie dieser Todesfall und seine Aufklärung inklusive Romanze. Das ist alles gar nicht schlimm, aber auch nicht besonders spannend. Es liest sich so nett und gemütlich wie eine Bahnfahrt in einem deutschen ICE eben so ist. Immer dann ein bisschen aufregend, wenn mal wieder keiner eine Ahnung hat, was jetzt schon wieder los ist.

Jan Beinßen
Mord im Santa-Express
Piper Verlag, München 2020
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