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Gute gemeinsame Wellenlänge: Pianistin Sabine Weyer und die Berliner Camerata musizieren Bach und MendelssohnVon Stefan Pieper 

In der Berliner Camerata ist jeder ein Solist. Für die aktuelle CD-Produktion  begab sich die luxemburgische Pianistin Sabine Weyer zusammen mit der Konzertmeisterin Olga Pak in eine solistische Doppelrolle – in Mendelssohns Konzert für Violine und Klavier, welches soeben für das Ars-Label eingespielt wurde. Als logische Komplettierung fiel die Wahl auf zwei Konzerte von Johann Sebastian Bach – zu denen die Luxemburgerin ein ganz besonderes Verhältnis hat, wie sie im Gespräch verriet. 

Feuilletonscout: Wie ist es zu dieser Auswahl für eine CD gekommen?
Sabine Weyer: Die Idee war, nach der ersten Solo-CD mit Debussy vor zwei Jahren etwas anderes mit Kammerorchester zu machen und damit eine Linie aufzubauen. Ich bin jetzt bei der zweiten Etappe angelangt.  Als dritte Etappe spiele ich im Herbst Schostakowitschs Klavierkonzert mit der Nordwestdeutschen Philharmonie ein.

Feuilletonscout: Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Bach und Mendelssohn?
Sabine Weyer: Ich mag die Musik von Bach sehr und spiele auch dessen Solowerke ganz häufig. So bin ich auf die Bachkonzerte gestoßen. Ich suchte dann etwas, was dazu passt und da hat sich Mendelssohn natürlich angeboten, da es diese starke Verbindung zwischen den beiden Komponisten gibt. Die Berliner Camerata hat diese Idee gut gefunden und so haben wir das Programm zunächst in mehreren Konzerten gespielt, so dass wir für die Aufnahme schon sehr gut eingespielt waren. Wir hatten sieben Konzerte – unter anderem in Norwegen und dann in Berlin.

© Sabine Weyer

Feuilletonscout: Welche Qualitäten ragen bei der Berliner Camerata heraus?
Sabine Weyer:
Ich mag die tolle Energie dieses Orchesters. Da ist alles so frisch und jugendlich. Für Mendelssohn hatten wir gerade einmal 14 Musiker. Aber trotz dieser schlanken Besetzungen gibt es viel frische, spontane Energie. Und es wird nie zu intellektuell. Der Klang ist immer sehr präsent und überzeugend.  Zugleich gibt es eine hervorragende Transparenz.

Feuilletonscout: Die Berliner Camerata macht vor allem durch ihre schlanke Besetzung die Bach-Affinität von Mendelssohn sehr gut heraushörbar. War Ihnen dieser Brückenschlag ein besonderes Anliegen?
Sabine Weyer:  Ja, wir haben wirklich ganz bewusst einen möglichst flüssigen Übergang angestrebt. Wir haben in den Proben mehrere Sachen ausprobiert im Hinblick darauf, ob die jetzt wie bei Bach klingen sollen. Schließlich haben wir uns für eine sehr stark artikulierte Fassung entschieden. Das erste Tutti zum Beispiel, bevor das Klavier einsteigt, ist ja im Grunde ultrabarock. Die Artikulation der Berliner Camerata ist hier sehr präzise. Wir fanden, dass dies einen sehr guten Bezug zu den Bachkonzerten herstellt. Auf jeden Fall waren wir in unseren Ansichten auf einer guten gemeinsamen Wellenlänge.

Feuilletonscout: Wie ist die Rollenverteilung in einem Konzert mit zwei solistischen Stimmen?
Sabine Weyer:
Für mich ist es nicht so viel anders wie bei anderen Solokonzerten. Aber für die Geige ist die Doppelrolle als Solo- und Orchesterinstrument etwas kompliziert. Die Sologeigerin und Konzertmeisterin Olga Pak muss sich manchmal klanglich regelrecht zweiteilen. Mal ist sie Teil des Orchesters und agiert kurz darauf schon wieder solo. Ich denke aber, diese Balance ist auf der neuen CD gut gelungen.

Feuilletonscout: Die Musik Johann Sebastian Bachs bildet ja den Ursprung des Programms auf dieser CD  – ist Bach auch der persönliche Ursprung von Musik bei Ihnen?
Sabine Weyer: Bach wird oft missverstanden, dass dies doch etwas sterile, intellektuelle Musik sei, die man kaum verstehen kann. Ich habe solche Vorbehalte schon oft bei Musikern und auch beim Publikum erlebt. Ich teile diese Meinung überhaupt nicht – ich finde, Bach ist eine sehr humane Musik, die sehr menschlich daher kommt. Dieses Element, diesen Schwung wiedergeben, war uns wichtig. Wir wollten zeigen wie lebendig diese Musik ist. 

Feuilletonscout: Die schnellen und die langsamen Sätze widerspiegeln in diesen Konzerten ja sehr unterschiedliche Charaktere
Sabine Weyer: Speziell in diesen Konzerten ziehen mich die Kontraste zwischen Eck- und Mittelsätzen sehr stark an. Das stabile Metrum wirkt wie eine Metapher, die ich als eine Allegorie für die Zeit, in der Bach lebte, mit ihrer Enge ansehe. Bach drückt in solchen Formen immer eine sprudelnde Freude aus.   Andererseits kommt in den langsamen Mittelsätzen etwas sehr melancholisches zum Tragen. Diese Musik hat einfach alles. Das fasziniert mich bei Bach.

Feuilletonscout: Sie spielen Bach auf einem modernen Konzertflügel. Welches persönliche Klangideal haben Sie?
Sabine Weyer:  Die Tatsache, dass ich auf dem heutigen Klavier und nicht auf dem Cembalo spiele, eröffnet viele neue Möglichkeiten. Bach ist für mich keine Cembalomusik. Es gibt da immer Streit zwischen den strengen Historikern und den anderen, die sich Freiheit leisten. Ich bekenne mich hier auf jeden Fall zur Freiheitsliebe. In den Mittelsätzen lasse ich gerne auch mal etwas richtig romantisches zu. Meine Freiheit drückt sich vor allem in der dynamischen Gestaltung aus, besonders in den langsamen Sätzen der Bachkonzerte. Ich hemme mich hier nicht, auch starke dynamische Kontraste zu setzen und gehe auch gerne mal ins leiseste Pianissimo hinein. So etwas wäre auf dem Cembalo gar nicht möglich. Aber ich kann heute so etwas auf dem Flügel spielen und daher mache ich es auch. Auch wenn manche Leute sagen, das gehe jetzt zu weit.

© Sabine Weyer

Feuilletonscout: Was bringen Sie persönlich zum Ausdruck in Mendelssohns Doppelkonzert?
Sabine Weyer: Mendelssohn passt hier sehr gut. Er hat dieses Doppelkonzert im Alter von 13 Jahren geschrieben. Ich spüre da ein starkes Element, welches so viel Leben verkörpert. Da ist so viel, was nach außen dringen will – ein spürbarer Kontrast zu Bachs Musik mit deutlich strengeren Elementen. Ich finde diesen Kontrast einfach sehr spannend und den möchte ich darstellen. Aber ich will mich auch nicht zu stark darauf zuspitzen.  Der Hörer soll ja selber noch genug Freiheit haben.

Feuilletonscout: Wie sehen Sie sich als künstlerische Persönlichkeit? Haben Sie ein besonderes Ideal, eine bestimmte Vision?
Sabine Weyer:
Ich versuche immer, egal in welcher Art Musik ich mich bewege, möglichst nahe am Text zu bleiben. Das disziplinierte Element ist sehr wichtig. Aber ich bin von Natur aus sehr empfindsam. Ich würde schon sagen, dass ich ein besonders reiches inneres Leben habe – und das möchte ich auch ausdrücken. Ich suche immer expressive, ausdrucksvolle Musik, mit der ich ein persönliches Statement geben kann, etwas, das die Zuhörer berührt. Kommunikation und Vermittlung des eigenen inneren Lebens ist mir das wichtigste.

Feuilletonscout: Wie entfalten sich solche Emotionen unter den Bedingungen einer CD-Aufnahme?
Sabine Weyer:
 Mit so einem Orchester kann man nicht so kleinteilig an den Details arbeiten, sondern muss in größeren Bögen durchspielen. Das war dann wieder etwas wie im Konzert. Ein gewisser Druck macht dabei durchaus produktiv und ich denke, wir alle haben hier unser Bestes gegeben. Eben weil keine Zeit war, alles hundertmal zu spielen. Eine solche Atmung ist hörbar. Sie würde vermutlich zerfallen, wenn man es in kleinen Takes machen würde.

Feuilletonscout: Welche Rahmenbedingungen haben Sie in Luxemburg?
Sabine Weyer:
Luxemburg ist sehr klein und familiär. Das ist einerseits gut, weil es nicht so eine riesige Konkurrenz gibt. Andererseits kann es von der Stimmung her auch etwas bedrückend sein. Jeder weiß sofort Bescheid, was man macht, weil es nur drei oder fünf klassische Pianisten gibt, die sofort alles wissen. Das hat Vor- und Nachteile.
Dann ist da die Sache mit den Auftrittsmöglichkeiten. Es ist insgesamt schwierig, jede Woche ein Konzert in Luxemburg zu haben. In Luxemburg besteht ohnehin die Regel, dass man erst mal 6 Monate Pause machen muss, bevor man wieder am selben Ort spielen darf. Teilweise muss ich dies sogar in den Verträgen unterschreiben. Deswegen ist es so wichtig, im Ausland bekannt zu werden.

Feuilletonscout: Sie veranstalten auch selber eine Konzertreihe?
Sabine Weyer:
Das habe ich jetzt in diesem Jahr zum ersten Mal gemacht und alle sechs Wochen selbst ein Konzert veranstaltet. Ab nächstem Jahr wird das eine andere Form annehmen. Ich möchte etwas aufstellen, was Luxemburg wieder helfen soll. Meine Programmplanung in diesem Jahr war eher national. In den nächsten Jahren möchte ich aber ein Programm entwickeln, welches Luxemburg auch international präsentiert. Ich denke auch an ein Austauschprogramm mit verschiedenen Städten und Ländern – zum Beispiel einen Konzertzyklus, wo an jedem Abend ein bestimmtes Land dargestellt wird. Das braucht gar nicht auf die Klassik eingegrenzt sein, es darf gerne auch traditionelle Musik oder ganz was anderes sein und dies idealerweise aus möglichst vielen europäischen Ländern. Musik kann doch hervorragend als Brücke funktionieren, um Kontakte herzustellen. Dementsprechend habe ich auch die Idee der Classic Jam Sessions entwickelt, die in einer Art  Koproduktion alle möglichen Kunstrichtungen in ihrem Bezug zur Musik präsentiert. Wichtig ist, dass ein logischer, roter Faden dahinter steht.

Feuilletonscout: Woher nehmen Sie die Energie und Zeit dafür?
Sabine Weyer:
Ich habe ganz viel Energie. Die Zeit ist eine Sache der Organisation.  Ich habe einfach den Wunsch, künstlerisch etwas für das Land zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch, Sabine Weyer!

 


Bach/Mendelssohn
Sabine Weyer: Klavier
Olga Pak: Violine
Berliner Camerata
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