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Figaro am SwimmingpoolLe nozze di Figaro sind eine der meistgespielten Opern der Musikgeschichte. Das Landestheater von Mozarts Heimatstadt verlegte Figaros Hochzeit in den Alptraum einer abgewrackten Manager-Kaste. Von Stephan Reimertz

Ich bin 55 Jahre alt; gehe also, zieht man die Wiegenjahre ab, seit einem halben Jahrhundert in die Oper. Die pränatalen Monate muss man mitrechnen, in denen ich im Bauch meiner Mutter etwa Maria Callas als Lucia di Lammermor hörte; von Konzertgrößen wie Artur Rubinstein und Elli Ney einmal ganz zu schweigen. Kann ich mich auch noch nicht mit jenem Grafen Gritti in Franz Werfels Verdi-Roman vergleichen, der in seinem hundertjährigen Leben jeden Tag in die Oper gegangen ist – eine Art Ernst Jünger des Musiktheaters – kommt doch einiges zusammen.

Natürlich lernt man mit den Jahren in Wien, Venedig, München, Paris usw. auch die anderen Opernbesucher kennen. Man weiß, was sie schätzen, man weiß, was sie mögen. Man weiß auch, was sie nicht mögen. Dabei sticht ein Regiefehler ganz besonders heraus, eine Masche, die sich seit fast hundert Jahren einfach nicht ausrotten lässt.

Für alle Intendanten und Regisseure zum Mitschreiben:
»Wir mögen es nicht, wenn der Opernregisseur uns durch Ausstattung und Kostüme auf vermeintliche Parallelen zwischen der Oper und unserer eigenen Zeit und Situation hinweist. Dies ist deswegen schon ein logischer Fehler, weil uns diese Korrespondenzen gerade dann nicht entgehen, wenn die Oper im historischen Kostüm daherkommt.«

Es kann auch nicht unter den Tisch gekehrt werden, dass zeitgenössische Kostüme schon darum ein Betrug an der Gesamtproduktion sind, weil Regisseur und Ausstatter auf die Mühe verzichten, sich in die Kunst- und Kostümgeschichte einzuarbeiten und ein künstlerisch und historisch tragfähiges Konzept zu entwickeln. Nehmen wir halt Hugo Boss, und die Sache hat sich!

Le nozze di Figaro – Ensemble © Anna-Maria Löffelberger

Le nozze di Figaro – Ensemble © Anna-Maria Löffelberger

Kein Duft, kein Zauber

Es fehlt euch doch ganz einfach an Geschmack und Kultur, an Delikatesse und Raffinement, schlicht an Bildung! Was man am vergangenen Samstag im Salzburger Landestheater sehen musste, war der zehnte Aufguss von provinziellem Möchtegern-Regietheater, geradezu ein Kompendium alles Abgeschmackten, das sich in den letzten Jahrzehnten in der Oper angesammelt hat. Die Pointe des Ganzen: Regisseur Jacopo Spirei bildete sich allen Ernstes ein, dem kreuzguten und leidgeprüften Salzburger Premierenpublikum ein Stück Avantgarde vorgesetzt zu haben.

Etwas Platteres als Spireis Anspielungen auf aktuelle politische Diskussionen hat man auf der Opernbühne nie gesehen. Die geschmacklose und atmosphärefreie Ausstattung von Bettina Richter gab Le Nozze di Figaro am Salzburger Landestheater den Rest. Sie haben einfach kein Gefühl für Schönheit und Raffinement, geschweige denn für jene hochkultivierte Schicht des Ancien Régime kurz vor der Französischen Revolution, welcher in dieser Oper ein Denkmal gesetzt wird.

Eine Opernproduktion spiegelt die Zerstörung Salzburgs

Regisseur, Dramaturgin und Ausstatterin sind offenbar Alltagsköpfe von heute, die ein Ressentiment – jenen, wie Nietzsche es nannte, »Hass auf alles Wohlgeratene« – nähren, tiefe Abneigung gegen alles, was der verwalteten Konsumwelt, in der sie leben, widerspricht. Dabei mangelt es gerade in Salzburg nicht an Anschauungsmaterial, an dem sie hätten lernen können. Diese Stadt ist wie wenig andere in Mitteleuropa vom Kleinadel geprägt. Sie verfügt auch noch über genug Schlösser – obgleich man viel von der Kulturlandschaft zerstört hat – in denen sich das Ensemble ein paar Tage hätte einfühlen können, wie man in einem solchen Anwesen lebt, sich bewegt, wie man sich fühlt.

Denn auch davon handelt Figaros Hochzeit: Dem Leben im Schloss als dem familiären Mikrokosmos der ganzen Gesellschaft. Das neue Salzburger Regiekonzept will uns weis machen, die Nachfahren der Plebejer damaliger Zeit entsprächen heute der Aristokratie jener Tage, seien an ihre Stelle gerückt. Die Sänger-Darsteller zeigen sich in der Regel unfähig, auch nur eine aristokratischen Handbewegung auszuführen George Humphreys als Graf Almaviva und Anne-Fleur Werner als Gräfin wirken wie die Absolventen eines Management-Seminars in einem der zahllosen Schuhkarton-Bauten, mit denen Salzburg nach und nach zerstört wird.

Das Mozartische wird vernichtet

Aubrey Allioc als Figaro bringt echte plebejische Energie in die Figur; sein Italienisch ist aber so amerikanisch gefärbt, dass man sich fragt, ob nicht ein Opernsänger über ein besseres Ohr für diese Sprache verfügen müsste. Das gilt auch für Shahar Lavi, welche die Hosenrolle des Cherubino mit einer sehr interessanten dunklen Stimme gibt. Allerdings unterläuft auch hier der Regie ein schwerer Konzeptfehler. Denn der Zuschauer muss unbedingt begreifen, dass es sich bei Cherubino um einen Jüngling handelt, nicht um ein Mädchen, sonst versteht man die ganze Figur nicht. Es soll ja Besucher geben, welche diese Oper nicht aus dem Effeff kennen. Spirei lässt Cherubino zu mädchenhaft aussehen.

Es kommt hinzu, dass Mozarts einzigartige Figur des pubertären Aristokraten und künftigen Don Juans gar nicht verständlich ist, wenn man sie in Jeans und T-Shirt präsentiert. Cherubino ist kein Jugendlicher von der Straße, der den Röcken nachrennt, sondern eine seraphisch-aristokratische Gestalt, Spiegelung des Eros selbst, eine der mozartischsten Figuren im Werk des Komponisten überhaupt. Nicht zufällig schenkt Mozart ihr eine Musik, für die man Entsprechungen nur im Werke Raffaels findet. In Salzburg aber wird das Mozartische selbst zerstört.

Lego-Swimmingpool von David Hockney

Trotz des Fehlkonzepts, in das sie eingezwängt ist, entlockt Shahar Lavi ihrer Figur emphatische Momente, welche allein durch die Improvisation gestört wird, die ihr – ebenso wie zwei anderen Sängern – einmal unterläuft. Eigenmächtige Terz- und Quartsprünge gehen in der Oper gar nicht, seien sie auch der Euphorie eines Premierenabends geschuldet. Das Mozarteumorchester liefert unter Andrian Kelly, der, wie einst der Komponist, vom Klavier aus dirigiert, eine professionelle Leistung ab. Das Engagement und die Ernsthaftigkeit der Sänger stellen innerhalb des verfehlten Regiekonzepts eine besonders zu respektierende Leistung dar, offenbaren aber gerade, dass Jacopo Spirei ihnen kaum etwas zu bieten hat außer einer allerdings durchdachten und psychologisch sinnfälligen Personenregie.

Die geschichtsfremde, geistfeindliche Interpretation des Librettos, das mangelnde Verständnis für die geschichtlichen Konflikte, die diesem Werk zugrunde liegen, führen jedoch dazu, dass die neue Salzburger Produktion zu einem Teil jener kulturvernichtenden, konsumistischen Gehirnwäsche wird, die wir im Moment global erleben, und die sich in der kleinen Stadt Salzburg eher offenbart als in den Metropolen.

Le nozze di Figaro – Shahar Lavi und Laura Nicorescu © Anna-Maria Löffelberger

Le nozze di Figaro – Shahar Lavi und Laura Nicorescu © Anna-Maria Löffelberger

Kann die Kunst uns vor dem Konsumismus retten?

Die Geschmacklosigkeit der neuen Inszenierung von Le nozze di Figaro gipfelt in der Lego-Version eines Swimmingpools von David Hockney und kann keineswegs als Kritik der sie umgebenden Verhältnisse durchgehen. Die Neuinszenierung ist vielmehr ein Symptom jener apokalyptischen Übel, die derzeit über Salzburg hergefallen wie die sieben Plagen über Ägypten. Als loyales und Kirchensteuer zahlendes Mitglied der Kirche hätte man das Recht, wenigstens von einem Filmmusical verschont zu bleiben, welches in Blasphemie gipfelt und die ehrwürdigen Schwestern des Benediktinerinnenstifts Nonnberg, des ältesten deutschen Frauenordens, verhöhnt.

Das Landestheater ist eines der schönsten Gebäude des Neorokoko in Europa. Wer an seinen feinen, durchdufteten Baustil anknüpft, wird keine Schwierigkeiten haben, sich auch mit einem kleinen Theater in ganz Europa einen Namen zu machen. Es kommt auf eine geschickte Dramaturgie, ein übergreifendes Konzept und geeignete Werke an. Hier kann man auf die künstlerisch meist hochinteressante Kammeroper ebenso setzen wie auf das 18. Jahrhundert, das noch zahlreiche Neuentdeckungen verspricht. Vor allem aber wäre die Kammeroper der Moderne ein lohnendes Terrain, da in diesem Fall die akustische Problematik des kleinen Theaterraumes nicht so stark in den Vordergrund treten würde, wie das bei den späten Mozartopern der Fall ist. Für diese ist das Theater im Grunde zu klein. Hier wird der Klang zusammengepresst, selbst die volle und schöne Stimme von Ann-Fleur Werner klingt an den Rändern manchmal schrill. Der Orchesterklang wirkt eigenartig beklommen.

In solchem Raum freilich könnte sich das Singspiel nicht schlecht entfalten, und es wäre eine Probe aufs Exempel, ob nicht auch die Operette in ihrem zweiten Ursprungsland Österreich wieder angesiedelt werden könnte. Besser ein guter Zigeunerbaron als ein schlechter Figaro. Allerdings gab es in den letzten Jahren am Salzburger Landestheater auch höchst beachtenswerte Produktionen, wie die Einpersonen-Oper der finnischen Komponistin Kaija Saariaho über Madame du Châtelet, und einige interessante Ansätze wie Igor Strawinskijs Oedipus Rex in der Felsenreitschule im vergangenen Jahr.

Zum Schluss eine gute Nachricht: Laura Nicorescu ist die Zauberin dieses in vielem so misslungenen Abends. Als Susanna erweckt sie jene neckischen, klugen Rokoko-Mädchen wieder zum Leben, wie sie seit dem frühen Mozart und dem Goethe der Theatralischen Sendung zu den Lieblingsfiguren unserer Kultur gehören: Ein Mädchen, das es faustdick hinter den Ohren hat, das gern einen Dalk treibt, wie man in Österreich sagt, und das uns – ausnahmsweise mit einem gelungenen blauen Kleid angetan – vor den Zumutungen jener aggressiven Waren- und Konsumwelt rettet, dem der Intendant und sein Regisseur sich in die Arme geworfen haben.

Le Nozze di Figaro
Alle Termine bis Ende Mai hier

Salzburger Landestheater
Schwarzstraße 22
5020 Salzburg
Österreich
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