Enjoy the silence: „Gold Projections“ von Joe Ramirez

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Im Berliner Pierre Boulez Saal erhält Stille eine neue Dimension.
Rezension von Barbara Hoppe.

Bilder fließen in- und übereinander. Wie ein Traum ziehen sie einen  hinein in eine Welt zwischen Mystik und Wirklichkeit. „Somnia“ heißt der eine Film, „Vermilion“ der andere, die auf zwei menschengroßen  – in einem aufwändigen manuellen Verfahren nach einer Renaissance Technik – vergoldeten Scheiben zu sehen sind. Hier, im Pierre Boulez Saal, dessen elliptische Form ein reizvoller Kontrast zu den sich gegenüber hängenden Projektionsflächen bildet.

Dem amerikanischen Künstler Joe Ramirez gelingt eine einzigartige Filmprojektion, über die er selbst als „fresco cinema“ spricht. Nicht von ungefähr, war der Künstler doch selbst lange als Freskenmaler tätig. Auf die Idee zu den „Gold Projections“ kam er während der Restauration der Sixtinischen Kapelle in Rom. Viele der  Sequenzen erinnern an Bilder von Caspar David Friedrich oder alte Meister. Die goldene, konvexe Fläche der Holztafeln gibt der Projektion zusätzlich die Patina einer älteren Leinwand und unterstützt den Effekt, in eine Welt jenseits des Bildes einzutauchen. Weich sind die Übergänge, Formen lösen sich auf, um sich neu zu finden, surreal und überraschend. Und mittendrin immer wieder ein Mensch, der seinen Weg sucht. Ramirez entwirft in seinen wie bewegte Gemälde anmutenden Filmen das Old und das New Europe in einer einzigartigen Bildsprache.

Joe Ramirez, Somnium 2017 © Joe Ramirez

Somnia – Somnambule Bildschöpfung

Bereits 1608 verfasste der Astronom, Mathematiker und Philosoph Johannes Keppler eine Science-Fiction Vision von einer Reise zum Mond. Joe Ramirez greift dieses Thema in „Somnia“ in Form einer losen, assoziativen Bildfolge auf. Entstanden ist eine Collage, die meditativ wirkt und den Betrachter Zeit und Raum vergessen lässt.

Zinnoberrot – kostbarer als Gold

Im spanischen Aragon fand Ramirez die Kulisse für „Vermilion“, das englische Wort für Zinnoberrot. Kostbarer als Gold, verwendeten es Maler über Jahrhunderte auf der ganzen Welt. Kaum einer dachte darüber nach, dass es von Sklaven in Nordspanien abgebaut wurde. Und so geht es im Film zum „New Europe“ auch nicht um die Maler, sondern um die Gegenwart und das Heimweh nach der Heimat und einem Leben in Sicherheit.

Joe Ramirez, The Gold Projections (studio) 2019 © Joe Ramirez

Stille erlebbar machen                  

Im Pierre Boulez Saal, wo normalerweise Konzerte zu hören sind, ist in der Sommerpause ein Raum der Konzentration entstanden. Eine „intellectual stimulation“, wie der Architekt des Baus, Frank Gehry, es gern für den Saal formuliert. Joe Ramirez setzt diesen Gedanken meisterhaft fort – und konnte namhafte Mitstreiter finden. Wim Wenders, Fotograf Jim Rakete und Désiré Feuerle, der bereits früh als eigenwilliger Kunstsammler zeitgenössische und alte Kunst gegenüberstellte, begeisterten sich für das Projekt und fungieren als ausführende Produzenten. Patti Smith als „silent narrator“ vervollkommnet „Vermilion“.

Wer sich auf die Reise begibt, sollte Zeit und vor allem Muße mitbringen. Über drei Stunden dauert der sinnlich-sphärische Trip durch eine neue Dimension von Malerei und Film. Die Belohnung hat hypnotische Wirkung.

Zum Künstler:
Joe Ramirze wurde 1958 in San Francisco geboren. Er studierte Malerei und Film an der School of the Art Institute in Chicago sowie Bildhauerei am Royal College of Art in London. Seit 2007 lebt er in Berlin. Inspiriert von den ersten Entwürfen von Frank Gehry zum Pierre Boulez Saal entwickelte er das Projekt „Gold Projections“.

Gold Projections von Joe Ramirez
1. -31. August 2019

Französische Straße 33d, 10117 Berlin
geöffnet freitags und samstags von Sonnenuntergang bis 1 Uhr

Programm:
freitags: Somnia / Vermilion
samstags: Vermilion / Somnia

14 Euro (Vorverkauf) / 10 Euro Abendkasse, nach Verfügbarkeit / 7 Euro ermäßigt
Maximale Besucherzahl: 200

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