Eine poetische Annäherung an die Geometrie “Der Garten der Formen” von Linda Wolfsgruber und Jorge Luján

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Rezension von Julia Feurich.


Der seit 2006 bestehende Verlag für Illustration „Kunstanstifter“ ist bekannt für seine überaus kreativen und ästhetischen Bilderbücher für Kinder und Erwachsene. Der Fokus liegt auf der Bildgestaltung als wichtigstes Kriterium, um veröffentlicht zu werden, wobei selbstverständlich die ausgewählten Texte nicht minder begeistern. Das Herz der Verleger schlägt nach eigener Aussage für „schräge, witzige, absurde, skurrile, außergewöhnliche, provokante, aber intelligente und handwerklich sowie formal gut angefertigte Zeichnungen.“ Kurzum: Der Verlagsname ist Programm und mit „Der Garten der Formen“ von Linda Wolfsgruber und Jorge Luján gesellt sich ein weiteres außergewöhnliches Bilderbuch in die lange Reihe an Buchkunstwerken ein. Dafür wurde der Verlag auf der letzten Frankfurter Buchmesse zu Recht auch mit dem Gütesiegel des noch jungen Deutschen Verlagspreises ausgezeichnet.

„Neben dem Dreieck und dem Viereck / fragt sich erstaunt das Fünfeck: / Hab ich nicht eine Seite zu viel? / Da sieht es oben am Himmel / Tausende Figuren stehen, / alle wie seine so schön.“

Buchcover: Kunstanstifter Verlag

Linda Wolfsgruber und Jorge Luján haben mit ihrem Bilderbuch „Der Garten der Formen“ eine Hommage an die Poesie der Geometrie erschaffen. Kreis, Raute, Sechseck, Trapez und viele andere Formen werden in Bild und Text in ihrer schönsten Gestalt präsentiert. Seite für Seite kann der Leser bzw. Betrachter durch diesen bunten Garten spazieren und sich an der Vielfalt und Einzigartigkeit geometrischer Gebilde erfreuen, die im Zusammenspiel fantasievolle Welten entstehen lassen und letztlich als Grundbausteine unseres Kosmos gelten. Neben dem Dreieck, das nur “drei Wege” hat, an denen “die Heiligen Drei Könige entlang” gehen, begegnen dem Besucher des Gartens auch lauter Kreise, die so vieles für uns sein können: „ein Lotusblatt, ein hölzernes Rad, die Spur eines Elefanten, ein Heiligenschein, der Schild des Spartakus, König Arthurs runder Tisch, […] die Brille von John Lennon, deine Pupillen, das Mal auf Deiner Wange“. Sicherlich würden einem noch zahlreiche weitere Beispiele einfallen. In einem anderen Bereich des Gartens lässt sich die bunte Vielfalt an Vierecken entdecken, als Quadrat, Rechteck oder Raute, bis sich das Fünfeck fragt: „Hab ich nicht eine Seite zu viel?“ Doch ein Blick in den Nachthimmel beweist, dass es ohne das Fünfeck nicht so viele funkelnde Sterne zu bewundern gäbe. Auch Ovale sind hübsch anzusehen, Trapeze so viel mehr als nur eine gekappte Pyramide und erinnern Sechsecke nicht an reglos dasitzende Frösche? Indem alle nur erdenklichen geometrischen Formen bunt miteinander vermischt werden und ihre Geschichten erzählen, steht der Garten in seiner vollen Pracht und Blüte.

Der Garten der Formen“ erzählt keine Bilderbuchgeschichte im herkömmlichen Sinne, sondern basiert auf einer Gedichtsammlung aus der Feder des mittlerweile in Mexico City lebenden Argentiniers Jorge Luján. Der Musiker und Schriftsteller hat bereits mehr als 40 Bücher veröffentlicht, darunter zahlreiche Gedichte, aber auch Bilderbücher und Comics. Die teils nur kurzen Verse sind sehr fantasievoll und voller Poesie. Philosophische Zeilen rund um die Geometrie wechseln sich dabei mit leichten Nonsensversen ab, assoziative Gedankenketten mit Gestaltgedichten. Maria Hoffmann-Darteville, seit vielen Jahren gefragte Übersetzerin für frankophone, spanische und lateinamerikanische Literatur, schuf aus dem spanischen Original eine feinfühlige Übersetzung. Die in Wien lebende Illustratorin und Grafikerin Linda Wolfsgruber bringt den „Garten der Formen“ mit ihren bezaubernden Bildern zum Blühen. In ihren Illustrationen nimmt sie einzelne Motive aus den Gedichten auf, lässt aber zugleich ganz eigene Gedanken in die Bilder einfließen, teilweise nur vage gegenständlich, stattdessen mit viel Raum für die Fantasie des Betrachters. Auf vierzig Seiten entfaltet sich ein bunter Mix an Techniken – Dreiecke und Vierecke in warmen Aquarelltönen erinnern an Paul Klee, es gibt Scherenschnitte im Stile Henri Matisse zu entdecken, Popart à la Keith Haring, Collagen aus bunten Papierschnipseln, Stempeldruck und noch vieles mehr.  Sind erst einmal alle Grundformen vorgestellt, begleiten schließlich eine kleine Maus, eine Katze und ein Vogel das weitere Geschehen, was vor allem den kleineren Lesern Freude beim Entdecken bereiten wird. I-Tüpfelchen ist die Typografie des Buches, für die die Hamburger Grafik-Designerin Suse Kopp gewonnen werden konnte. Sie experimentiert ebenfalls mit den geometrischen Formen und präsentiert die Texte auf unterschiedlichste Art und Weise als eigene kleine Kunstwerke neben den Illustrationen Wolfgrubers.

Man wird sich das Buch mehrfach anschauen müssen, um all‘ die bezaubernden Ideen, die im „Garten der Formen“ stecken, erfassen zu können. Ganz im Sinne des Verlages ist „Der Garten der Formen“ ein Buch für die ganze Familie von Jung bis Alt und das Zusammenspiel aus Poesie, Illustration und Typografie ein ästhetischer Genuss, der in keinem Buchregal fehlen sollte.

Der Garten der Formen
Jorge Luján (Autor), Linda Wolfsgruber (Illustrator)
Kunstanstifter Verlag, Mannheim 2019
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