Ein Perspektiven-Karussell – Geschichte einer Aussiedlung

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Von Carsten Schmidt.


Zsuzsa Selyem ist eine vielschichtige, handwerklich begabte ungarische Autorin (51), die bereits 2005 im Schloss Solitude Stuttgart schrieb, ein Stipendium im schweizerischen Zug erhielt – und nicht nur geisteswissenschaftlich, sondern auch im Bereich Mathematik Studien absolvierte. Derzeit lehrt sie im rumänischen Cluj ungarische Literatur.

Es ist jedoch nicht die akademische Welt, in die uns Selyem in „Regen in Moskau“ zieht, sondern die der Geschichte und Politik, genauer die Regionen-Zerwürfnisse von Siebenbürgen und den umliegenden Ländern.

Die Autorin wirft uns in Szenen zwischen 1947 und 1989, mitten hinein in den Nachkriegsbalkan und die sich wandelnden Länder um Jugoslawien, Ungarn und Rumänien. Vor allem der Machteinfluss sowjetischer Militärs in Osteuropa spielt bereits in der ersten Szene von 1947 eine Rolle. Wer wird an der Macht bleiben? Wie werden sich Regierungen bilden? Welche Staaten oder Teil-Staaten werden akzeptiert? Wie viel Vergangenheit überlebt? Während dies im Großen geschieht, so suchen sich auch am Boden die einzelnen machthungrigen Männer ihre Plätze bei der Jagd auf dem Grund vom jungen sympathischen Beczasy und sprechen eher verdeckt und abstrakt über Wildschwein, Hirsch und Hasen und private Kleinigkeiten.


Doch öffnet die Autorin uns sogleich die psychologischen Ebenen durch die Perspektive von einem der Jäger, Luka: „Luka musste seine Augen schließen, weil er diese dummen Moldawier schön säuberlich in einer Reihe bei Fântâna Albă liegen sah, die geglaubt hatten, sie könnten eine weiße Fahne und ein paar Holzkreuze schwingen und wie die Hasen aus der Sowjetunion nach Rumänien hinüberspazieren. Nicht jeder hatte das Glück gehabt, dass ihn die Kugel traf, dann musste man mit der Schaufel so lange auf ihn einschlagen, bis er irgendwie besinnungslos in die Grube fiel und nicht mehr versuchte, aus ihr herauszuklettern.“

Hier haben wir also eine Geschichte, die ähnlich wie „Animal Farm“ mit Allegorien arbeitet und verschiedene Ebenen miteinander verbindet. Das Ganze wird bereits vom Anfang her angereichert mit Intertextualitäten und englischen sowie französischen Zitaten wie von Tolstoi oder Wittgenstein. Wem das zu einfach ist, der darf auf die nächste Ebene gespannt sein, denn im Laufe der Geschichte gibt es nicht nur Rückblicke auf 200 Jahre zuvor – nein, die Szenerie wird hauptsächlich von Tieren weitererzählt, u.a. von einer Katze, einem Hund, einer Mücke, einem Vogel und teilweise sogar aus Sicht eines Baumes. Die zentrale Figur bleibt zwar Beczasy, der verschleppt wird, gefangen, entlassen, versteckt, umgesiedelt, geduldet und der als alter Mann 1989 in Rumänien auf die Straße geht und Teil der Revolution im Land ist. Bis hierhin erkennt man schon, bereits am Schildern des Rahmens, dass dies handwerklich sehr ambitioniert klingt. Wenn man nun noch andeutet – ohne zu viel vorwegzunehmen, dass die Autorin die Enkelin von Beczasy ist, weiß man, was einen an Dichte in diesem schmalen Band auf 114 Seiten erwartet. Während man als Leser zumindest ahnt, dass die wunderbare Übersetzerin Eva Zador hier einiges von ihrem Können aufzeigen musste, um dieses komplexe Geflecht in feines, glasklares, präzises Deutsch zu übertragen – so bleibt doch dem einzelnen Leser zu entscheiden, ob die Autorin sich mit dem erzählerischen Vorhaben von „Regen in Moskau“ nicht vielleicht doch etwas übernommen hat.

Zsuzsa Selyem:
Regen in Moskau
Deutsch von Eva Zador
Nischen Verlag 2018, Wien 2018
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