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Ein Moment mit ... Ninja Schröder, Impro-Schauspielerin, die mit dem Ensemble frei.wild gerade Jubiläum feiertSeit 10 Jahren gibt es frei.wild, Improvistationstheater aus Berlin.

Feuilletonscout: Verändert sich Improtheater im Laufe der Jahre?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort:  Die Frage kann man mindestens dreimal beantworten.
1.Improtheater an sich verändert sich… es gibt viel mehr Gruppen als noch vor 10 Jahren und vor allem auch mehr Gruppen, die Improtheater auf einem hohem Niveau spielen. Es kommt immer mehr aus seinem Schattendasein heraus und wird als eigene Kunstform, die es im Gegensatz zum Texttheater ja auch ist, anerkannt. Auch wird immer deutlicher, was Improtheater noch alles kann, wofür es gut ist und welche Kompetenzen damit gefördert werden können – in unsere Workshops kommen nicht nur Menschen, die selbst mal auf der Bühne stehen wollen, sondern auch zunehmend Unternehmen, Schulen und Institutionen, welche die Übertragbarkeit der Impro-Philosophie für ihren Arbeitsalltag erkennen. Die Zeit verlangt mehr Flexibilität, Offenheit, eine positive Fehlerkultur und Mut zu Kreativität. Mit Improtheater kann man das und unendlich viel mehr trainieren. Viele Teilnehmer wollen auch einfach nur loslassen, den Kopf frei machen, mal wieder Kind sein – einfach spielen.
2.Improtheater bei frei.wild verändert sich. Wir haben wie die meisten Gruppen auch mit Theatersport und kurzen spaßigen Formaten angefangen, sind mit der Zeit immer mehr zu Langformen übergegangen und entwickeln nun Formate selbst. Es geht immer wieder um die Frage der Wahrhaftigkeit oder auch darum Geschichten zu erzählen, die nicht nur aus schnellen Gags sondern auch in der Tiefe bestehen.
Die einzelnen Mitglieder von frei.wild interessieren sich für verschiedene Strömungen, belegen Workshops und bringen das Gelernte ein. Wir haben uns mit Gesang, Pantomime, Tanz, Brecht‘schen Mitteln und und und und… auseinandergesetzt. All das fließt ein – es ist ein kontinuierlicher Prozess, auch mit vielen Diskussionen, aber es geht immer weiter und bleibt spannend.
3.Und genauso verändert sich jeder Spieler, entwickelt seine Stärken, arbeitet an seinen vermeintlichen Schwächen, bringt sich ein. Phasen, in denen man nur Spaß haben möchte, wechseln sich ab mit Phasen, in denen man Tiefe und echte Arbeit an der Sache sucht. Mal liebt man es, Bösewichte zu spielen und dadurch auch die eigenen Schatten anzusehen – ungestraft alles sein zu dürfen – auch diese Phase geht vorbei, es kommt eine neue… und so geht es weiter. Wie bei einem Musikinstrument: man ist nie fertig, man hat es nie ausgelernt oder Musik wirklich verstanden.

Feuilletonscout: Was haben Sie in den 10 Jahren durch das Improtheater gelernt?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort: Flexibler zu sein und auch in schwierigen Situationen den Humor nicht zu verlieren. Einer neuen Situation erst mal offen entgegen zu treten, zu versuchen, nicht immer alles gleich zu werten. Die Zuversicht, vieles zu meistern, auch wenn man vorher noch nicht weiß, wie. Freier vor Menschen zu sprechen, und den Spaß an einer Sache immer und immer wieder neu zu entdecken!

Feuilletonscout: Wie sind Sie selbst dazu gekommen, Improvisationstheater zu  machen?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort: Bei mir war es das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte – ohne eine Idee oder einen Text, mit absolut nichts auf die Bühne zu gehen. Ich wollte mich meiner größten Angst zu diesem Zeitpunkt stellen und habe dann von Anfang an so viel und herzlich über alle inklusive mich selbst gelacht, dass ich dran geblieben bin. Die Freiheit wenn es gut läuft, ist unbeschreiblich und die schrecklichen Momente habe ich bisher alle überlebt und ich bin mir sicher, das wird auch so bleiben.

Feuilletonscout: Was war der schlimmste Moment für Sie auf der Bühne?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort: Eine Show, bei der der Funke einfach nicht übergesprungen ist, wir Spieler kamen nicht zueinander, haben aber auch nicht die Entscheidung getroffen, einfach abzubrechen und neu zu starten (denn das darf man ja beim Impro einfach – alles ist erlaubt – Hauptsache, man übernimmt Verantwortung, für sich selbst, die Mitspieler, die Zuschauer…), sondern haben uns erbarmungslos weiter gequält. Das ist zum Glück schon eine Weile her…

Feuilletonscout: Und was der schönste?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort: Viele: Wenn sich eine Figur selbständig macht und man plötzlich Sachen sagt, auf die man eigentlich nie kommen würde, wenn man mutig ist und ohne Idee mit Trash auf die Bühne geht und plötzlich alles zusammen passt: nichts muss mehr erklärt werden: das Bild ist so stark, dass alle verstehen. Wenn man mit seinen Mitspielern abfliegt, sich blind versteht und am Ende beseelt nach Hause geht.

Feuilletonscout: Wann ist für Sie ein Improtheaterabend gelungen?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort: Wenn die Leute Tränen gelacht und geweint haben, die Zeit verfliegt und man noch Tage lang über die erzählte Geschichte nachdenkt… oder über diesen einen Song…

Feuilletonscout: 10 Jahre Improtheater frei.wild. Welches persönliche Fazit ziehen Sie?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort: Es ist das Beste, was uns passieren konnte! Ein Haufen sehr unterschiedlicher Menschen, die sich zusammen gefunden haben und seit Jahren sehr intensiv miteinander arbeiten, lachen, streiten und vor allem spielen. Wir bekommen die Balance zwischen Arbeit, Hobby und Freundschaft hin – auch wenn das nicht immer einfach ist. Es wird nie langweilig!

Feuilletonscout: Haben Sie einen Improtheater-Traum?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort: Den Impro-Gedanken noch weiter zu verbreiten, noch mehr Menschen zu erreichen und sie dazu zu ermuntern, sich zu trauen, volle Shows mit glücklichen Zuschauern, die eigene Begeisterung nicht verlieren, weitere 10 Jahre frei.wild – mindestens natürlich!

Feuilletonscout: Was sind die nächsten Pläne?
Ninja Schröder und Angeline Heilfort: Den Businessbereich ausbauen, weil wir einfach wissen, wieviel Benefit die Kunden davon haben und das Feedback immer super ist, die angewandte Improvisation in die Schule tragen und Lehrer anstiften, möglichst viele Ideen der Improphilosophie im Klassen- und Lehrerzimmer zu nutzen, und ein glückliches 2017 hinlegen!

Vielen Dank für das Gespräch, Ninja Schröder und Angeline Heilfort!

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