Ein Kindermörder und die „Romanze der gestörten Nachtruhe“

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„La BETTLEROPERa“. Moritz Eggert mit einer radikalen Neuinterpretation des klassischen Stücks an der Neuköllner OperWenn Moritz Eggert eine Oper schreibt, dann darf man sich auf einiges gefasst machen. Herausgekommen ist die “Wahnsinns“- Inszenierung von „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ an der Komischen Oper in Berlin. Von Barbara Hoppe.

Zu Beginn ist noch nicht viel zu sehen. Eine Art Laufsteg auf einem Gestänge steht auf der Bühne, und der Mörder tritt auf. Der amerikanische Bariton Scott Hendricks wirkt erschreckend ungefährlich, durchschnittlich und harmlos, wie er dort in Blue Jeans und blauem Poloshirt steht. Doch schon bald kommt Bewegung in die Szenerie. Kleine Gestalten folgen ihm. Kinderkörper mit den Gesichtern von Erwachsenen. Es sind die Masken, die unproportional groß auf den schmalen Körpern thronen und eine eigenartige Verzerrung bewirken. Unheimlich sind sie, und die darin inhärente verhängnisvolle Verzahnung von Lust und Vernunft, vielleicht auch nur von Wahnsinn, aber auch von den Kindern und ihren Eltern, die es nicht vermögen, ihre Kleinen zu beschützen, raubt dem Zuschauer beinahe den Atem. Katrin Kath hat mit diesen Kostümen und den großartig modellierten Masken, die abgehärmte, vom Leben verbrauchte Antlitze zeigen und trotzdem wirken, als hätte man in die Gesichter der Berliner von heute geschaut, das eigentliche Bühnenbild geschaffen.

Scott Hendricks (M), Statisterie der Komischen Oper Berlin / Foto: Monika Rittershaus

Und es sind diese Kinder, die „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ tragen, diese Geschichte um einen Kindermörder im Berlin der zwanziger Jahre, der von Polizei wie Unterwelt gleichermaßen gejagt wird. Sie spielen die Erwachsenen pantomimisch in der gesamten Bandbreite vom einfachen Berliner über den Gauner, die Prostituierte bis hin zum Polizisten, während aus dem Off die Texte – großartig gesprochen von Absolventinnen und Absolventen der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin, musikalisch untermalt vom Orchester unter der Leitung von Ainars Rubikis und Sängern des Consort Vocale, einem Tenor und einem Sopran –zu hören sind. Mit ihrer übertriebenen Gestik und der typischen Körperhaltung Erwachsener wirken die kleinen Darsteller abwechselnd komisch und erschreckend, halten sie den Großen doch auch einen Spiegel vor: Es wird viel geredet und posiert, doch im Grunde geschieht nichts. Beklemmend wird es immer dann, wenn die Kinder als Kinder auftreten, im großen Chor, mit Zöpfchen, Röckchen und kurzen Hosen unbedarft singen und hüpfen, während das Grauen lauert. Es sind auch diese Szenen, die schon bald die Frage aufwerfen: Wo befinden wir uns eigentlich? Im Kopf des Mörders, mit seinen Wahnvorstellungen, Trieben und Ängsten? Oder tatsächlich auf der Straße, in einer realen Szene?

Statisterie der Komischen Oper Berlin , hinter dem Screen: Scott Hendricks (M) / Foto: Monika Rittershaus

Die Inszenierung von Barrie Kosky und die Musik von Moritz Eggert halten das Ungewisse bis zum Schluss. Durch elektronische Verstärkung und Lautsprechern umfangen die Stimmen das Publikum. Langsam ziehen sie es in einen Bann, der dem Gedankenstrudel im Kopf eines Geisteskranken ähneln mag. Moritz Eggert komponiert melodiös, keineswegs verkopft oder mathematisch, wie so manche zeitgenössische Musik gern daherkommt. Erhalten geblieben ist die Melodie von Edvard Grieg „Aus der Halle des Bergkönigs“, die der Mörder im Film pfeift. Gedichte des Berliner Dichters Walter Mehring und Kinderlieder ergänzen den knappen, klaren Text des Original-Drehbuchs von Thea von Harbou und Fritz Lang. Wenn der Mörder „Jetzo, mein Püppelein“ singt, jagen einem Schauer über den Rücken.

Wer den Film kennt, ist im Vorteil, erkennt Abweichungen und Interpretationen, weiß die Leistung von Regisseur und Komponist besser zu schätzen, aus einem meisterhaften Film eine Oper zu machen. Mit Spannung wartet man auf den Höhepunkt der Jagd, die im Film in einem Bürohaus mit einer Hundertschaft von Ganoven stattfindet – und wird enttäuscht. Barrie Kosky und Moritz Eggert wagen es hier das erste Mal, gänzlich von der Vorlage abzuweichen. Und verlieren sich selbst mit einigen Längen im Strudel des Irrsins. Junge Mädchen wie Sirenen jagen den Mörder in seinen Gedanken, lasziv locken sie ihn mit den Armen. Verzweifelt klammert dieser sich an bunte Wände, die wie Kinderzimmertapeten oder bunte Duschvorhänge seine krankhaften Kinderfantasien zu beflügeln scheinen. Anklage und Tribunal verschmelzen in einem wilden Ritt im Wahnsinn des Mörders, den Scott Hendricks als einziger Erwachsener auf der Bühne großartig interpretiert.

Scott Hendricks / Foto: Monika Rittershaus

„M – eine Stadt sucht einen Mörder“ als Oper zu inszenieren, ist ein mutiges Unterfangen, für das die Komische Oper gemeinsam mit der Ernst von Siemens Musikstiftung hervorragende Protagonisten gefunden hat. Trotz der engen Anlehnung an den Film ist ein eigenes Kunstwerk entstanden. Komponist und Regisseur wagen es, Oper anders zu denken und gewinnen. Gesang, Musik und Sprache sind wie entkoppelt und wirken dennoch nur zusammen. Wie die unterschiedlichen Geräusche einer Großstadt einen Klangteppich ergeben, schaffen Moritz Eggert als Komponist sowie Barrie Kosky und Ulrich Lenz mit dem Libretto eine „Wahnsinns“-Oper.

Das Premieren-Publikum im ausverkauften Opernhaus nahm sie mit gemischten Gefühlen auf. War der Applaus zunächst verhalten, trotzte es dem ersten „Buh“-Ruf und klatschte sich in Fahrt. Nein, ein „Buh“ war diese Oper ganz gewiss nicht. Nicht zur Scott Hendricks wurde schließlich bejubelt. Das ganz große Lob geht an den sagenhaften Kinderchor und seiner Darstellung.

M – ein Stadt sucht einen Mörder
Oper in einem Akt von Moritz Eggert (2019)
Libretto von Barrie Kosky und Ulrich Lenz nach dem gleichnamigen Film von Fritz Lang und unter Verwendung von Gedichten von Walter Mehring und Kinderliedern
Auftragswerk der Komischen Oper in Berlin

Weitere Aufführungen am 24. Mai / 9., 22. und 26.6.2019
Weitere Infos und Tickets hier

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