Ein Brief an … Adriana González

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„Verehrte Adriana González,

Seien Sie bitte nicht ungehalten, dass ich auf Ihre Debut-CD mit einem Brief antworte, obwohl ich Sie ja nicht einmal persönlich kenne. Ich in mir durchaus bewusst, wie peinlich so eine lettre ins allzu Schwärmerische, Unreflektierte oder Geschwätzige abgleiten kann. Auch gestehe ich ohne Umschweife, dass ich zum ersten Mal vom Komponistenehepaar Robert Dussaut und Hélène Covatti höre. Also normalerweise gilt für mich, dass unbekanntes, jedoch empfehlenswertes Repertoire auf jeden Fall vor Interpretation geht. Das heißt, ich berichte mehr oder weniger ausführlich über die musikhistorischen Zusammenhänge der neu zu entdeckenden Musik (in diesem Fall immerhin 22 Weltersteinspielungen) und zum Schluss über die künstlerische Qualität der Wiedergabe.

Das ist aber in diesem Fall ganz und gar unmöglich, weil mir Ihr außergewöhnlich strahlender und voluminöser Sopran von der ersten Sekunde an mindestens so viel Aufmerksamkeit abverlangt hat wie die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen französischen Mélodies. Auch ein in italienischer Sprache geschriebenes Lied “Amor che vedi” und ein spanisches ist dabei. Was mich besonders überrascht und verblüfft hat: Ich höre einen üppigen, in der Tiefe fundierten, in allen Lagen ausgeglichenen samtenen lyrischen Sopran auf dem Weg zum Spinto mit einem überragend individuellen Timbre gesegnet. Derzeit sind Ihre Rollen die Micaëla in Carmen, die Lauretta in Gianni Schicchi, die Rosalinde in der Fledermaus, aber auch die Figaro-Gräfin oder die Liu in Turandot. Wahrscheinlich steht in nicht allzu großer Ferne der Sprung ins große Verdi- und Richard Strauss-Fach bevor. Zu wünschen wäre es.

Die leuchtenden, stets von einer großen Wärme umhüllten Klangfarben ähneln ein ganz klein wenig an diejenigen der jungen Martina Arroyo, die ich noch öfter in Wien als „Maskenball“ Amelia oder „Troubadour“ Leonore erleben durfte. Auch bei Ihnen höre ich schon Anklänge an die Aida oder „La Forza del destino“ Leonore heraus. Fast jede andere Sängerin in Ihrer Lage hätte bei der ersten Gelegenheit zu einem eigenen Album darauf bestanden, ein „Best of“ der Arien-Hits der jetzigen Bühnenpartien gemischt mit Arien der Opern, die auf der Wunschliste stehen, aufzunehmen. Gedacht als eine Art klingender Visitenkarte für Agenten und Opernchefs, wo und wie auch immer. Weil mit CDs ja ohnedies kein Geschäft mehr zu machen ist. Und siehe da: Sie haben sich gemeinsam mit Ihren engagierten künstlerischen Partnern, Iñaki Encina Oyón und Thibaud Epp dafür entschieden, erstmals Lieder von Robert Dussaut und von Héléne Covatti einem breiteren Publikum vorzustellen.

Freilich wäre ohne die biographische Koinzidenz, dass die Tochter des Ehepaars Dussaut/Covatti, Thérèse Dussaut, nicht nur drei Jahr lang in Toulouse die Klavierlehrerin von Iñaki Encina Oyón war, sondern auch in Paris dem Pianisten freundschaftlich verbunden blieb, das Thema des Albums ein anderes gewesen. Daher gebührt Herrn Oyón allergrößter Dank für die editorischen Verdienste und seinen Einsatz für das exquisite Schaffen von Dussaut & Covatti für Singstimme und Klavier.

Ja, der Befund von Oyón stimmt, dass bei den Lieder Dussauts eindeutig Einflüsse von Massenet oder Fauré zu erkennen sind, während bei Covatti hier und da Spuren von Ravel oder sogar Scriabin zu finden sind. Aber erstens sind viele Mélodies vom Charakter her verwandt und zweitens ist es Ihrer Interpretation zu danken, dass der Hörer ganz und gar von diesen vokalen Art déco Juwelen fasziniert ist. Ihr Sopran ist ein Urereignis und taucht die Lieder in ein lyrisch-opernhaftes Licht. Die satten Piani in „Je dédie à tes pleurs“, die mit sinnigem crescendo und zauberhaftem decrecsendo gespannten Phrasen wie „En te pensant je sens que je t‘aimais“, das die Emotionen der Poesie spiegelnde dynamisch weite Land, die nobel gedeckten Forti, der wunderbar am Wort orientierte Fluss der melodischen Gedanken oder die kunstreich ornamentierten Vokalisen der “Élégie” bzw. der Mélodie “Printemps”. All das macht dieses Album neben der durchwegs berührenden Eingebung von Dussaut&Covatti und der hohen kompositorischen Qualität zu einer großen Sache. Damit der exotisch duftende Strauss an Liedern liebevoll und sorgfältig gebunden ist, dass jeder Blume der beste Platz im idealen Licht gewidmet scheint, dafür sorgt Ihr Begleiter Iñaki Encina Oyón mit perlendem Klavierspiel. Bei den vierhändigen, dramatisch angelegten “Zwei Spielmännern” (Les deux ménétriers”) wird er kongenial von Thibaud Epp unterstützt.

“Chant de joie” und “Pater Noster” sind ursprünglich Arien, genauer gesagt handelt es sich um Fragmente aus der Oper “La Fontaine de Priština”  von Robert Dussaut. Nach den eher melancholisch introvertierten vier “Griechischen Liedern” von Covatti  können Sie hier kräftiger zulangen. Und erst Recht die rauschhafte “Hymne à la Lumière”. Was für ein schönes Gedicht über das Licht von Anatole France, dass “unser aller Augen gönnen will, dass sie noch lange sehen können, wie die Schönheit unter der keuschen goldenen Krone aufrecht wandelt.”

Das Textbuch kann bei Ihrer klaren Diktion ruhig beiseite gelegt werden, jedes Wort ist zu verstehen. Das ist gar nicht genug zu schätzen, bei einem Gesang, der ebenso Wert auf Klang setzt und der Magie der Stimme keine Zurückhaltung auferlegt – innerhalb der natürlichen grenzen stilistischen Wissens und Könnens – versteht sich. 

Schade nur, dass wahrscheinlich aus dem Konzert am 25. April in Mexico City, wo dieses Album live vorgestellt hätte werden sollen, in diesen pandemischen Zeiten nichts werden wird.

Ich darf Ihnen dennoch und erst recht wünschen, dass es Ihnen und den Ihren wohl ergeht, ihre künstlerischen Träume in Erfüllung gehen und Sie Ihr Publikum noch lange mit Ihrer kostbaren wie wunderbar ausdrucksvoll modulieren Stimme erfreuen und den Musikfreunden so den Alltag verschönen!

Mit besten Grüßen

Ihr wohl gesonnener Ingo Waltenberger,
Feuilletonscout Berlin

Mélodies
Dussaut & Covatti
Adriana González (Sopran)
Iñaki Encina Oyón (Piano)
Audax Reco (Harmonia Mundi), 2020

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