Dergleichen gibt es bei Dante, sonst nicht

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richard wagner porträt

Bühnenweihfestspiel ohne Regie-Firlefanz: In Bayreuth dirigiert Christian Thielemann einen konzertanten Parsifal. Petra Lang verkörpert die interessanteste, aber auch schwierigste Rolle der Theatergeschichte. Stephen Gould erinnert an einen Buchtitel von Frido Mann: »Professor Parsifal«. Georg Zeppenfeld gibt einen hochreflektierten Gurnemanz. Das Publikum am Grünen Hügel flippt aus. Von Stephan Reimertz.

Der Parsifal schildert ein Initiationserlebnis; das Bühnenweihfestspiel ist auch selbst eines, und genau das war er auch für die Karriere von Kapellmeister Christian Thielemann. Nach dem Abitur arbeitete er als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin unter Herbert von Karajan an diesem letzten Werk Richard Wagners. Thielemann hat das Ausnahmestück immer wieder dirigiert, in Bayreuth allerdings das letzte Mal vor zwanzig Jahren. Mein letzter Parsifal mit Thielemann war die Generalprobe bei den Osterfestspielen 2013 in Salzburg, wo allerdings das Gezappel auf der Bühne und das Ende ohne Kundrys Tod den Regisseur als ahnungslosen enttarnte. Musikalisch nahm Thielemann das Werk damals sehr straff und metallisch. Das war kein feinnerviger fin-de-siècle-Parsifal, das war ein preußischer Parzival. Ergreifend klangen dennoch die Chorszenen, besonders als der Chor aus dem Zuschauerraum heraus sang. Unter diametral veränderten, auch klanglichen, Bedingungen hat Thielemann jetzt im Bayreuther Festspielhaus das Werk konzertant dirigiert, der gedankliche und musikalische Tiefe, detaillierte Durchdringung von Text und Musik, nicht zuletzt aber auch eine glückliche Hand offenbarte. Das denkwürdige Ereignis profitierte zudem von einer Besetzung von Weltklasse.

Die unsichtbare Bühne des inneren Dramas

Freilich, das ist die Musik unserer Jugend. Wagner ist zunächst ein Pubertätsphänomen, und Parsifal das Werk der Initiation schlechthin. Aber im Laufe des Lebens wächst das noch, zumal die Wiederbegegnung jedesmal eine Wiedersehen mit dem eigenen Erwachsenwerden darstellt. Das rituelle Zusammentreffen ein Mal im Jahr in der abgelegenen fränkischen Kleinstadt hat seinen guten Sinn, für die Mitwirkenden wie für die Zuschauer. Letztes Jahr gab es nur eine familiäre Veranstaltung in Wahnfried, ebenfalls unter der Leitung von Thielemann, welcher heuer, nach nur vier Proben, ohne Generalprobe, uns und sich selbst einen konzertanten Parsifal gönnt, gemäß Wagners Ausspruch: Jetzt habe ich das unsichtbare Orchester erfunden – hätte ich auch die unsichtbare Bühne erfunden! Allein Parsifal-Konzert ist eine allzu bescheidene Bezeichnung für diese subtile, vollkommen angemessene halbszenische Aufführung. Der Künstler Philipp Fürhofer bot unter einem ewig sich verändernden Bild, welches am Anfang nach abstrahiertem Anselm Kiefer und weiters nach mangaisiertem Hokusai aussah, eine schwarze Bühne, auf welcher die jeweils agierenden Sänger mit sparsamer Geste die zwischenmenschlichen Konstellationen andeuteten. Und mehr bedarf’s nicht.

Die eigenartigste Musik ihrer Zeit

Das Orchester blieb im Graben, der Bayreuther Klang war gerettet. Weil keinerlei Energie in Regie-Firlefanz abfloss, konnten sich alle Mitwirkenden ebenso wie die Zuschauer auf das innere Drama des Parsifal konzentrieren. Freilich war dieses dann auch auszuhalten. Man hat die Formel Durch Mitleid wissend auf ihre philosophischen und theologischen Bedeutungen befragt; allein es ist die Ur-Formel des Theatralischen, der Katharsis, der Läuterung der Seele von Leidenschaften durch das Miterleben, Mitleiden, sympátheia. Im Parsifal erreicht und thematisiert der Autor die Deckung von Thema und Gehalt, das vermeintlich christliche Drama erweist sich als Transformation des antiken Theaterkonzepts. In Georg Zeppenfeld findet der Moderator des Stückes, Gurnemanz, eine in Stimme und Geist überragende und disziplinierte Verkörperung des Seelenführers, der durch das Drama leitet, die innere Landschaft, welche in der Musik jederzeit in so üppiger Blüte steht. Ja, das alles wurde bereits hier am Ort komponiert, mehr aber noch in dem für unsere mythische Reichsidee so entscheidenden Palermo, wo man heute noch im Hôtel des Palmes die Suite bewohnen kann, in welcher der Komponist die eigenartigste Musik seiner Zeit zu Papier brachte.

Äußerste Herausforderung

Es spricht für Stephen Gould, wenn die herausfordernde Partie in dieser konzentrierten Verwirklichung nicht spurlos an ihm vorübergeht. Die Anstrengung, welche den Darstellern hier abverlangt wird, ist fast übermenschlich zu nennen. Der australische Bassbariton Derek Welton gibt einen bei all seinem Dämonischen sehr menschlichen Klingsor, und damit hat er die Rolle des gefallenen Ritters voll und ganz erfüllt. Michael Volle verleiht dem Amfortas die Stimme der menschlichen Seele, die nach Erlösung ringt und damit verleiht der dem zentralen Thema Wagners eine durchschlagende Musik. Der noble Titurel (Günther Groissböck) trifft die Stimme des Übergangs vom höchsten Alter in die Zeitlosigkeit. Das musikalische Bühnenweihfestspiel, ein identitätsstiftendes Ereignis jenseits des Theateralltags wie die Iphigenie oder der Fidelio, tritt in seinem geistlichen Gehalt neben unsere mittelalterlichen Epen: »von neuem sprengt es das Tor, / daraus es nun strömt hervor, / hier durch die Wunde, der seinen gleich, / geschlagen durch desselben Speeres Streich, / der dort dem Erlöser die Wunde stach, / aus der, mit blutigen Tränen, / der Göttliche weint ob der Menschheit Schmach«.

Wer ist Kundry?

Einmal so gefragt: Kennt die Theatergeschichte überhaupt eine faszinierendere Gestalt? Medea? Richard III.? Hamlet? Gräfin Geschwitz? Kundry erscheint wie ein von Léon Bloy geschilderter Mephisto. So kündet sie Parsifal vom Tode seiner Mutter: »Ich ritt vorbei, und sah sie sterben: – / dich Toren hieß sie mich grüßen.« Sarkastisch, dialektisch: »Ich helfe nie.« Der Menschenfreund Gurnemanz besänftigt: »Ja, eine Verwünschte mag sie sein. / Hier lebt sie heut, / vielleicht erneut, / zu büßen Schuld aus früh’rem Leben, / die ihr dorten noch nicht vergeben.« Wird diese Figur nicht von einer Gestalterin von mythischer und erotischer Bezauberung besetzt, versteht man das ganze Stück nicht. Daher ist Petra Lang als Kundry das Faszinationszentrum der Aufführung. Mit ihrer fremden, wie von weither kommenden Stimme und der starken und schönen Bühnenpräsenz gelingt hier doch einmal die menschliche und dämonische Verkörperung des Weiblichen in seiner Ambivalenz und dem weiten Bogen all seiner Abschattierungen. Wenn sie im zweiten Akt Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust… singt, fragt man sich, ob Freud eine Generation später überhaupt noch eine Nuance des Weiblichen offenbarte, die nicht schon bei Wagner vorhanden ist. Natürlich begriff das in seiner Anzahl reduzierte, vorwiegend deutsche, indes durch unsere treuen französischen Freunde ergänzte Publikum ganz genau, was ihm da geboten wurde. Die Delirien der Begeisterung, so berechtigt sie waren, wollte dann doch an Nietzsches Bemerkung über Bayreuth erinnern: Man ist nicht Nachbar, man wird Nachbar. Die Togetherness war mir etwas zuviel. Ich besuche Bayreuth als Pariser Ästhet und nicht als deutscher Volksgenosse.

Zum Ausklang

…rein ästhetisch gefragt: hat Wagner je etwas besser gemacht? Die allerhöchste psychologische Bewusstheit und Bestimmtheit in bezug auf das, was hier gesagt, ausgedrückt, mitgeteilt werden soll, die kürzeste und direkteste Form dafür, jede Nuance des Gefühls bis aufs Epigrammatische gebracht; eine Deutlichkeit der Musik als deskriptiver Kunst, bei der man an einen Schild mit erhabener Arbeit denkt; und, zuletzt, ein sublimes und außerordentliches Gefühl, Erlebnis, Ereignis der Seele im Grunde der Musik, das Wagnern die höchste Ehre macht, eine Synthesis von Zuständen, die vielen Menschen, auch »höheren Menschen« als unvereinbar gelten werden, von richtender Strenge, von »Höhe« im erschreckenden Sinne des Wortes, von einem Mitwissen und Durchschauen, das eine Seele wie mit Messern durchschneidet – und von Mitleiden mit dem, was da geschaut und gerichtet wird. Dergleichen gibt es bei Dante, sonst nicht. Ob je ein Maler einen so schwermütigen Blick der Liebe gemalt hat, als W. mit den letzten Akzenten seines Vorspiels? –

Nice (France), rue des Ponchettes 29 au premier
[21. Januar 1887]

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