Der Sputnik-Schock der Poesie

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LiteraturAbheben mit Dana Ranga: In ihrem neuen Gedichtband Cosmos! führt uns die Dichterin an die Grenzen unserer Welt und weist uns zugleich einen neuen Weg in ihr Werk. Ihre Poesie, so zeigt Stephan Reimertz in seiner Rezension, schlägt diesmal die Brücke zu ihren bekannten Filmen. Ein avantgardistisches Gesamtwerk von hohem Rang gewinnt weiter an Kontur.

»Die Reise ins All / ist eine Reise des Geistes«; so umzirkt Dana Ranga zu Beginn ihres neuen Gedichtbandes den Raum und seine Beziehung zum Denken. Der Raum, der uns umgibt, ist bei ihr stets zugleich innerer, uns ausfüllender Raum. Erkundung und Transzendenz, Beschreibung und Überschreitung, Erkenntnis des Kosmos und Selbsterkenntnis, diese Themen reißt sie schon im ersten kurzen Gedicht auf, welches dem Astronauten Story Musgrave gewidmet ist. Vor siebzehn Jahren hat sie einen Film über ihn gedreht, und nun können wir erleben, wie Ranga in ihrer ebenso schmalen wie himmelstürmenden neuen Sammlung nicht nur den Bogen von der Außenwelt zur Innenwelt schlägt, sondern zugleich von ihrem lyrischen zu ihrem filmischen Werk.

Lakonisches Resümee eines Lebenswerkes

Die in Bukarest geborene Künstlerin begann in den frühen neunziger Jahren in Berlin zugleich Filme zu drehen und Gedichte zu veröffentlichen. Der Avantgarde-Verlag Stop Over Press brachte einen englischen und einen deutschen Gedichtband von ihr heraus. Gleichzeitig arbeitete sie an ihrem Dokumentarfilm East Side Story über osteuropäische Musicals. In großen Filmessays porträtierte sie den US-amerikanischen Astronauten Franklin Story Musgrave ebenso wie den russischen Kosmonauten Walerij Wladimirowitsch Poljakow. Bei Suhrkamp erschienen zuletzt die Lyrikbände Wasserbuch und Hauthaus. In dem unter Intellektuellen noch angeseheneren, 1977 in München gegründeten Matthes & Seitz Verlag kam nun Cosmos! heraus, ein radikaler Neuanfang, was die formale Gestalt der Gedichte angeht, zugleich aber eine Fortsetzung, ja ein Resümee von Rangas Lebensthemen.

Dana Ranga Cosmos! Matthes und Seitz
Cover: Matthes & Seitz

The Musgrave Ritual

»Die schönste Erfahrung, die wir machen können«, sagt Albert Einstein, »ist die Erfahrung des Unbegreiflichen.« Der ästhetisch in hohem Maße ansprechende Gedichtband Cosmos!, für den NASA und ESA Fotos zur Verfügung gestellt haben, verleiht dieser völlig neuen Art von Poesie ein futuristisches Gewand. Dem Unbegreiflichen nähert sich die Dichterin in äußerst begreiflichen Worten. »Warum fliegen wir in den Weltraum / wenn nicht um etwas / über uns zu erfahren«. Dana Ranga profitiert von ihrem persönlichen Umgang mit einigen der interessantesten Raumfahrer. Ihre Arbeit macht auch deutlich, wie obsolet die technokratische Art ist, in der das Thema Raumfahrt in den Medien abgehandelt wird. Einem im Vergleich mit ihren früheren Gedichten völlig neuen kurzzeiligen Duktus stehen im neuen Gedichtband Rangas berühmte Axial-Gedichten gegenüber. Wer als Lyrik-Leser up to date sein will, wird ebenso zu diesem Band greifen wie Raumfahrt-Enthusiasten, und Ranga-Fans sowieso. Wie eine Interstellar-Rakete die Erde, so lässt Dana Rangas neues Buch alles Hergebrachte und Konventionelle in Sekunden hinter sich.

Dana Ranga
Cosmos!
Matthes & Seitz, Berlin 2020
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