Der nahe Feind, der ferne Freund

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Leonid Breschnew, seine Bedeutung für Russland und die Sowjetunion, eine neue Biographie und eine Neubewertung des »Prager Frühlings«. Von Stephan Reimertz.

Ein Proletarier war er nicht. Leonid Breschnew, Ende 1906 als Moldawier in der Ukraine geboren, entstammte einem Milieu, das man sich eher als traditionales Arbeitermilieu mit stark gutbürgerlichen, ja bildungsbürgerlichen Zügen vorstellen darf, wie wir es aus dem Ruhrgebiet kennen. Aus einem solchen Milieu kam etwa Alfred Herrhausen; und auch Leonid Breschnew sollte es nach ganz oben schaffen, wenn auch unter sehr viel schwierigeren Bedingungen als der spätere Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Seine Schulzeit war durch die Russische Revolution erschüttert, und die Breschnews gehörten keineswegs zu den Profiteuren, sondern zu den Opfern der gewaltsamen Umwälzungen.

Ein seltsamer Klassenfeind

In der DDR wurde er als eine Art großer Bruder hingestellt, in der Bundesrepublik als der Leibhaftige. Als Leonid Breschnew im Mai 1978 einen Staatsbesuch in der Bundesrepublik absolvierte, bekam das Bild allerdings Risse. Den meisten der auf Westbindung dressierten Bundesdeutschen war der Generalsekretär der KPdSU nämlich gar nicht unsympathisch. Mit seiner Grandezza, seiner jovialen Art seinem Humor und Charisma erschien der Politiker eher als ein russischer Mynher Peeperkorn. Einen Feind hatte man sich anders vorgestellt. Susanne Schattenberg, Zeithistorikerin aus Bremen, stellt Breschnew als umsichtigen Manager vor, der in jedem kapitalistischen Unternehmen seinen Weg gemacht hätte. Dem Leser des neuen Buches erscheint es am Anfang, als folge sie allein einem betriebswirtschaftlichen Tunnelblick und schreibe faktenreich und gedankenarm. Jede von der KPdSU in Auftrag gegebene offizielle Biographie eines kommunistischen Funktionärs hat mehr literarische Ambition. Doch bereits die ersten vierhundert Seiten sind fesselnd zu lesen, besonders für Experten für Kolchosebewirtschaftung in den fünfziger Jahren in Moldawien.

Neubewertung des »Prager Frühlings«

Fällt die Autorin am Anfang auch vom Drögen ins Zwiebackhafte, so liegt das nicht zuletzt daran, wie sie weitgehend an umfangreichen, bisher teilweise unbekannten, Materialien und Akten entlang schreibt. Die vermeintliche Schwäche erweist sich als Stärke der Biographie, weil sie belegen kann, was immer sie berichtet. Sehr viel packender wird es schnell, wenn Breschnew Kontakt mit der sowjetischen Außenpolitik erhält. Der Ungarnaufstand von 1956 und besonders der Prager Frühling von 1968 müssen nach dieser Veröffentlichung zum Teil neubewertet werden. So weist Schattenberg nach, wie Breschnew wochenlang mit dem Generalsekretär der tschechischen kommunistischen Partei  Alexander Dubček über das Machbare verhandelte und jede nur denkbare Möglichkeit einer Einigung mit den aus der Realität des Ostblocks ausgescherten Tschechen ergreifen wollte, wie diese jedoch das gemeinsame Terrain unbelehrbar verließen. Der KPdSU blieb keine andere Wahl als der Einmarsch, und niemand war darüber tiefer bekümmert als Leonid Breschnew selbst. Susanne Schattenberg stellt die Probleme der Gerontokratie der Sowjetführung in den späten Siebziger Jahren in ihren Strukturen genau dar. Ein interessantes Buch das viele Hintergründe erhellt und den »Prager Frühling« in neuem Lichte zeigt, ist der Historikerin gelungen.

Susanne Schattenberg
Leonid Breschnew: Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins. Eine Biographie
Böhlau Verlag, Köln 2018
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