Das Rot der Revolution

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Von Ronald Klein.

In der Helmstedter Straße im Berlin Stadtteil Wilmersorf befindet sich das weltweit einzige Lippenstiftmuseum, das der Starvisagist René Koch vor mehr als zehn Jahren aus der Taufe hob. Zuvor hatte er seine private Sammlung in der Galerie Lafayette in der Friedrichstraße ausgestellt. Die Resonanz war überwältigend: Die Warteschlange reichte täglich bis zum Gendarmenmarkt. Es folgten Anfragen aus verschiedenen deutschen Städten, schließlich aus europäischen, asiatischen und US-amerikanischen Metropolen. Anlässlich des Tags des Lippenstifts am 29. Juli lädt das Museum zum Tag der offenen Tür. Anmeldungen können unter info@lippenstiftmuseum.de vorgenommen werden.

Wann reifte die Idee, ein Lippenstiftmuseum zu gründen?
René Koch: Zum 100. Geburtstag des Lippenstiftes 1983 hatte ich die Idee, diesem kleinen Verführer ein Denkmal zu setzen, denn als Stift gibt es ihn erst seit 1883. Davor war die rote Paste in kleinen Döschen. Der rote Farbstoff kam vom Blut der Cochenille-Laus und musste mit dem Finger aufgetragen werden. Bis zur Realisierung der Idee dauerte es noch einmal 25 Jahre.

Welche Exponate erwarten die Besucherinnen und Besucher?
René Koch: Lippenstifte von der Belle Epoque über die Stumm- und Tonfilmzeit, die Vor- und Nachkriegs-Ära sowie alles, was es noch um den Lippenstift gibt: Plakate, Broschüren, Anzeigen und 150 Kussabdrücke von berühmten Diven wie Brigitte Nielsen, Mireille Mathieu, Bonnie Tyler usw. Sogar den „Volkslippenstift“, den Hildegard Knef 1952 beworben hat.  

Seit wann beschäftigt Dich der Lippenstift beruflich?
René Koch: Seit 50 Jahren, als ich anfing zur Kosmetikschule zu gehen. Obwohl ich bereits als Kind im amerikanischen Besatzungs-Sektor in Heidelberg die Frauen mit den roten Lippen aus USA bewunderte. Später als Visagist und Chef-Visagist bei Yves Saint Laurent Beauté und Charles of the Ritz wurde diese Leidenschaft ausgebaut. Heute habe ich sogar meine eigene Lippenstift-Serie und trotz Corona-Zeiten plädiere ich für Lippen-Schminke sowie Lippen-Pflege hinter der Maske. Ich habe eine Maske mit lächelndem Kussmund kreiert. Keine Frau muss auf Lippenrot verzichten.

Wer zählte zu Deinen Kundinnen?
René Koch: In 50 Jahren meines Berufslebens habe ich natürlich die schönsten Frauen der Welt geschminkt, ob Joan Collins, Shirley Bassey, Claudia Schiffer, Nadja Tiller, Hildegard Knef, Veronika Fischer oder Dagmar Frederic. Aber auch all die Frauen, die Lust hatten, mehr aus sich zu machen.

Mit Lippenstift assoziieren viele Menschen ein Mode-Accesoire. Was stellt der Lippenstift darüber hinaus dar?
René Koch: Der Lippenstift ist sehr viel mehr als modisches Accessoire. Er signalisiert dem Betrachter die Kraft und die Seele der Frau. Zudem zeigen rote Lippen „Hier bin ich“, „Ich bin stark“ und machen zusätzlich eine schmale Taille. Denn alle schauen ins Gesicht und kleine Fettpölsterchen verschwinden sozusagen im Hintergrund. Eine neueste soziologische Statistik sagt sogar, Frauen mit roten Lippen werden von einem Mann sieben Sekunden länger angeschaut als sogenannte Lippen-Nackedeis.

Welche Rolle spielt der Lippenstift aus Deiner Sicht für die Emanzipation?
René Koch: Eine Große. Er ist ein kleiner Zauberstab, der mit Farbnuancen unterschiedliche Signale setzen kann. Die Suffragetten kämpften zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit knallrot nachgezogenen Lippen für Wahlrecht und Gleichberechtigung. Es ist eine Metapher für „eine Lippe riskieren“. Letztlich ist Rot die Farbe der Revolution.

Bisher hat sich der Lippenstift für den Mann hierzulande noch nicht durchgesetzt.
René Koch: Ich glaube, dass der Mann noch nicht so emanzipiert ist, um Lippenfarbe zu tragen. Obwohl in der Natur die Männchen die „bunten Vögel“ sind und die Weibchen eher grau. Auch in der Geschichte zeigten sich Männer mit Lippenfarbe, zum Beispiel im Barock und Rokoko oder beim Stummfilm. Selbst Casanova verführte die Damenwelt damals mit Lippenfarbe. Ich hoffe, ich werde es noch erleben, dass wir einen Bundeskanzler mit roten, kampfbereiten Lippen bekommen: Zum Beispiel Herrn Söder in „Marsrot!“

Lippenstiftmuseum
Helmstedter Str. 16
10717 Berlin

Tag der offenen Tür am 29. Juli 2020
Anmeldungen unter: info@lippenstiftmuseum.de

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