Daniiel Trifonov und das Silberne Zeitalter russischer Musik

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikVon Ingobert Waltenberger.

„Das Silberne Zeitalter als Epoche der russischen Kunst- und Musikgeschichte folgte keiner einheitlichen Ästhetik, sondern spiegelt eine immer weiter zersplitterte politisch-intellektuelle Umgebung – einen Cocktail diverser künstlerischer Ausdrucksformen in reger Interaktion wider.“
Daniil Trifonov

Der wohl klangseismographisch raffinierteste russische Pianist der Jetztzeit, Daniil Trifonov, legt ein Album mit Werken der noch immer die volle Aufmerksamkeit fordernden klassischen russischen Moderne vor. Im Zentrum stehen das Klavierkonzert Nr. 2 in g-Moll Op. 16 von Sergei Prokofiev und das Klavierkonzert in fis-Moll Op. 20 von Alexander Scriabin. Aufgenommen im Oktober 2019 in der Konzerthalle des Mariinski Theaters in St. Petersburg, liegt die musikalische Leitung beim Hansdampf in allen Dirigiergassen Valery Gergiev, der das hauseigene Orchester zu einer klangsinnlichen wie rhythmisch ausgewogenen Leistung anhält.

Jede Menge -ismen

Die auf dem Album eingespielten Werke stammen aus dem – nach der Worttaufe Sergej Diaghilews – sogenannten „Silbernen Zeitalter“. Jede Menge an –ismen mischen hier mit und jagen den überkommenen Rahmen national kultureller russischer Tradition in die Luft. Einflüsse des Expressionismus und Impressionismus finden sich ebenso wie solche des Futurismus, Fauvismus, Symbolismus, Perspektivismus, Orientalismus, Okkultismus und mystischen Anarchismus. Sie führen zu jenem faszinierend bunt gewebten Gefüge an originärer musikalischer Kreativität der kurzen Spanne der russischen Avantgarde vor der Oktoberrevolution, die der Pianist subjektiv gebündelt vorstellen will. Seine sympathisch dargereichte Einladung, uns mit diesen Werken neu auseinanderzusetzen, nehmen wir gerne an.

Im Westen hat der unermüdliche Promotor russischer Musik Sergej Diaghilew viele der aufregendsten Partituren der Zeit in einer eigenen Konzertreihe in Paris vorgestellt. Er wollte damit nebstbei dem angeschlagenen Image seines Landes nach der historischen Niederlage des Zaren Nikolaus II. im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 wieder auf die Beine helfen.

Außer dem jugendlichen Konzert-Geniestreich in fis-Moll des 24 Jahre jungen Alexander Scriabin in der harmonischen Nachfolge von Wagner/Liszt, aber dennoch improvisatorisch frei assoziativ dahinfließend, hat Trifonov auch Werke für Klavier solo eingespielt: Stravinskys „Serenade in A“, die „Feuervogel-Suite“ (in der Bearbeitung für Klavier solo von Guido Agosti) und drei Sätze aus „Petrushka“ sowie Prokofievs Sarcasms Op. 17, die Klaviersonate Nr. 8 in B-Dur Op, 84 und die Gavotte Nr. 2 aus der Ballettmusik „Cinderella“ Op. 95.

Der hagere, mürrisch asketische Scriabin wollte alle ästhetische Erfahrung in einer einzigen, mystischen, musikalischen Vision zusammenfassen, er war zwanghaft fixiert auf ein überirdisches Zusammenwirken von Licht, Farbe, Bewegung und Klang. „Die Art des musikalischen Atems ähnelt sehr der russischen Sprache in der Dichtung“, weiß Trifonov.  Stravinsky vereinte die Künste durch eine radikale Neubestimmung des Balletts. Diaghilew engagierte den 28-jährigen Brillenträger Stravinsky für ein speziell für Paris verfasstes Ballett. Der auf einem russischen Märchen basierende „Feuervogel“ schlug in Paris ein wie ein leuchtender Komet. „Petrushka“ wiederum, die zweite Zusammenarbeit der beiden, bezieht sich auf die Feiern zu Beginn des Frühlingsfestes. 1914 lernte Diaghilew in London den 23-jährigen Prokofiev kennen. Prokofiev war ein Provokateur (hierin nervt er gelegentlich die Ohren), der aber eine Reihe von meisterlichen Ballett-Partituren entwarf. „Später wandte er sich dem Film als vollständiger, modernster Verbindung der Sinne zu. Vor allem die „Achte Sonate“ dokumentiert Prokofievs kinematographische Vorstellungskraft”, beschreibt Trifonov einige Spezifika des bilderstürmenden Prokofiev. Das kluge zusammengesetzte Programm offenbart nicht zuletzt die Bezüge der drei zu Ton kommenden Komponisten des Albums  zu Rachmaninov und Mussorgsky.

Innovative Kraft des 20. Jahrhunderts

Die Russische Revolution 1917 bedeutet das abrupte Ende des Silbernen Zeitalters. Dennoch ist erstaunlich, in welch kurzer Zeitspanne die Zweite Wiener Schule, das Fin de Siécle in Paris mit dem aufkommenden Impressionismus und die wilde Blüten treibende russische Avantgarde die beinahe komplette innovative Kraft des gesamten 20. Jahrhunderts in der Musik begründeten.

Bahnbrechend an der Neuerscheinung ist, auf welch sensitive und gleichzeitig mächtig kolorierte Art und Weise der Pianist Anschlag und Phrasierung interpretationsgeschichtlich neu justiert. Daniil Trifonov scheint vom Ansatz her sein Ohr quasi in Frankreich auf die vibrierenden Gleise gelegt zu haben und gen Osten zu blicken. „Die höchste Kunst der Verfeinerung, mit stählernen Muskeln geübt“ könnte das Motto vor allem der im Richardson Auditorium an der Princeton University aufgenommenen Solostücke sein. Sachlich und klar im Ton, aber dennoch im nie ausgereizten Forte noch zu Steigerungen fähig, imponiert sein Spiel durch eine schnörkellos imponierende Schönheit und spielerisches Raffinement. Ein hochkonzentrierter Tiger auf dem Sprung zu einer noch immer unerhörten Vision. Auch hundert Jahre nach der Entstehung dieser Werke haben sie nichts von ihrer beißenden Unverwechselbarkeit und gnadenlosen Kühnheit eingebüßt.

Silver Age
Daniil Trifonov spielt Werke von Scriabin, Stravinsky und Prokofiev
Valery Gergiev dirigiert das Mariinsky Orchester
Deutsche Grammophon 2020
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