„Carneval“: Asya Fateyeva verwandelt auf ihrem Saxophon Werke von Lauba, Glasunov, Massenet, Shor, Delibes, Milhaud, Leoncavallo und Prokofiew

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikRezension von Ingobert Waltenberger.

Der Titel dieser äußerst hörenswerten und vergnüglichen CD verweist nicht auf Venedig oder sonst einen Ort kostümiert närrischen Treibens, sondern auf die Vielseitigkeit eines Instruments, das „sich gerne umkleiden, anprobieren, in die Rollen anderer Instrumente“ schlüpfen mag.“ Schon Berlioz war von den breiten Ausdrucksskalen von „feierlich ernst und ruhig, leidenschaftlich bis träumerisch oder melancholisch wie ein abklingendes Echo oder wie die unbestimmten Klagen des Wehens im Walde“ fasziniert. Auch wir halten dieses Instrument für prädestiniert, die (emotionalen) Rätsel und Geheimnisse dieser Welt in märchenhaft betörenden Klang verzaubern oder auf viele verschiedene Arten noch tiefer camouflieren zu können. Ganz nach dem Motto „Ein halb Mal lustig, ein halb Mal traurig“, um mit der Marschallin im „Rosenkavalier“ zu sprechen.

Eine der weltbesten Saxophonistinnen, die auf der Krim geborene Asya Fateyeva, stellt auf ihrem Album Musik ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor. Die Künstlerin will uns mit ihrem breit gefächerten Programm den wandelbaren, ja launischen Charakter des 1840 von Adolph Sax kreierten Instruments nahe bringen. Gemeinsam mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter Ruben Gazarian hält Fateyeva sogar einige CD-Premieren parat: Das Concerto in Es-Dur Op. 109 von Alexander Glasunov ist erstmals mit der humorvoll den Zeitrahmen der Entstehung sprengenden Kadenz des Hamburger Komponisten Svetoslav Karparov zu hören. Die  Premiere der „Opera Fantasy“ des Franzosen Christian Lauba bezieht sich nicht auf bekannte Melodien, es gibt vielmehr nur ein einziges konkretes Zitat („La donna è mobile“), das aus Verdis „Rigoletto“ stammt. Vielleicht gerade deswegen so attraktiv.

Sonst gibt es kürzere Kostproben aus romantisch bis klassizistischen Tonküchen zu hören: Mit dem Saxophonpartner Arno Bornkamp lässt Asya Fateyeva in „Va! Laisse couler mes larmes“ aus der Oper „Werther“ von Jules Massenet allen Weltschmerz eines unglücklichen Herzens vom Stapel.  Eine weitere Opernfantasie des Albums, „Verdiana“ des Maltesen Alexey Shor, strotzt vor virtuosen Herausforderungen. In dem dreisätzigen Werk mit den Subtiteln „Il Sambatore“, „Un Bossa in Maschera“ und „Don Tangoletto“ werden eine Vielzahl an Zitaten quasi zu imaginierten Essenzen des famosen Tonsetzers aus Roncole verschmolzen. Georg Oyens hat das Blumenduett „Viens, Malika!.. Sous le dôme épais“ aus der Oper „Lakmé“ von Léo Delibes für Sopran- und Altsaxophon arrangiert. Für Lachen und Tränen aus der Commedia dell’arte sorgen „Scaramouche“ von Darius Milhaud (hier hat Fateyeva das Monet Bläserquintett als Partner geladen) und auf der anderen Seite die Opernparaphrase „Vesti la Giubba“ aus Ruggero Leoncavallos „Pagliacci“.

Das Album schließt mit fünf Titeln aus Prokofievs Ballett „Romeo und Julia“.  Im „Tanz der Ritter“ kann der Hörer den Klängen von Sopran- Alt und Tenorsaxophon nachspüren. Ob die Kundigen sie auch zu unterscheiden wissen, ihre jeweilige Maske zu lüften vermögen, steht auf einem anderen Blatt. Es genügt ja, den Fährten genussvoll zu folgen, sich von den mehrfachen Spiegelungen des Kaleidoskops an musikalischen Bildern verzaubern zu lassen, den reichen Brokat an Tönen zu bestaunen. Wer dieses Album nicht liebt, dem kann nicht geholfen werden.

Asya Fateyeva
Carneval
Berlin Classics 2019
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„Carneval“: Asya Fateyeva verwandelt auf ihrem Saxophon Werke von Lauba, Glasunov, Massenet, Shor, Delibes, Milhaud, Leoncavallo und Prokofiew, 5.0 out of 5 based on 7 ratings

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