„Camerata Obscura“ – Wenn Kunst versucht, Musik zu küssen

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikDie künstlerische Partnerschaft zwischen der École nationale supérieure de la photographie d’Arles und dem Label harmonia mundi ist hübsch, aber gelungen? Rezension von Ingobert Waltenberger.

Barockmusik und zeitgenössische Fotografie: Die Pappcoverboxen der vier wieder veröffentlichten Alben zieren sinnlich ansprechende Farbfotos. Arbeiten von Studenten, die die Musik von Purcell, Vivaldi & Rebel, Mondonville und Tartini nicht direkt illustrieren wollen, aber auf unmittelbar verständliche Weise einen Konnex zwischen Musik und Illustration, Klang und Bild herstellen. Die vier jungen Leute bieten dem Musikfreund gegenständlich konkrete Motive in arrangierten Montagen an. Dazu haben sie sich sehr genau die historischen Zusammenhänge von Kunst und Geschichte, Religion und Politik all dieser im Spätbarock entstandenen Werke angeschaut. Das Resultat: Plakativ ansprechend, aber nicht wirklich kreativ, zu sehr feiert das Bildliche sich selbst.

Spätbarock, Krise des Absolutismus, philosophischer Aufbruch, ein erstes Vorgefühl der Romantik, die Liebe zum asymmetrischen Schnörkel, Zierrat allerorts und verspielte Dekoration. Die Frage nach dem Wie von Repräsentation interessiert, aber auch inwieweit Art und Zielrichtung von Emotionen das Weltgeschehen reflektieren.

Die Fotokünstler der einzigen französischen Kunsthochschule für Fotografie hatten bei ihrer Arbeit zwei Vorgaben zu beachten: das musikalische Prinzip des ‚stile concertato‘ inklusive der Überlagerung verschiedener Elemente historischer  Repräsentation und ihrer ikonischen Klischees auf drei Ebenen: Setting, gewählte Objekte und computergestütztes Design. Das zweite Motiv stammt aus der Malerei, „fuscum subnigrum“ genannt, und heißt, dass Licht und Bild aus einem schwarzen Hintergrund hervorgehen. Das Foto, das identisch auf allen Booklets (nicht Cover) zu sehen ist, entspricht diesen konzertierenden Elementen. Daraus wurden die vier Covergestaltungen abgeleitet. Nur das Foto für Tartinis Violinsonaten bricht mit dem dunklen Hintergrundprinzip. Da wandelt sich der Hintergrund zu weiß, den Blick in unsere „moderne“ Welt freigebend.

Zu Jean-Joseph Cassanéa de Mondonvilles Stücke für Cembalo mit Stimme oder Violine Op. 5, von Judith Nelson Sopran, William Christie Violine und Stanley Ritchie trotz spirituellen Inhalts genüsslich interpretiert, wird ein Stilleben mit Efeu, Zitrusfrüchten und Granatapfel auf silbern glänzender Schale serviert. Konventionell und erwartbar, dennoch sehr farbenfroh hübsch. Dazu braucht es aber keines Projekts, da hätte ein Fotograf genügt, der eines der zahllosen in allen Museen der Welt hängenden barocken Obst-Gemüse-Blumenbilder mit oder ohne Langusten und Papagei, auch Stillleben genannt, abpaust.

Optisch nicht viel anders ist es um die Antonio Vivaldi/ Jean-Féry Rebel CD bestellt. Wir hören „Le Quattro Stagioni“ und „Les Éléments“ in hervorragenden expressionistisch aufgebrochenen Wiedergaben der Akademie für Alte Musik Berlin (Solo-Violine  Midori Seiler). Das Cover zeigt diesmal das Innenleben von Granatäpfeln, leicht oxidierte Bananen, einen Apfel, Beeren, Fenchel, Efeu, weiße Blumen sowie die damals obligat oxidierten Silbergefäße mit dem Unterschied, dass die Objekte weniger gezoomt sind und der Rand per Computerbearbeitung ins Unscharfe ausfasert. Die Üppigkeit und Fülle der Motive soll Appetit auf die gehörte Musik machen. Das tut es auch, wenngleich wiederum Stereotype vorherrschen und der gute bildungsbürgerliche Geschmack hier allzu PR-mäßig bedient wird. Etwas mehr gestalterischen Mut und Fantasie hätte ich mir da von jungen Leuten schon gewünscht.

Eine gute Hand für Henry Purcells „Funeral Sentences“: Das Collegium Vocale Gent unter Philippe Herreweghe sowie eine homogene Solistenschar (Tessa Bonner, Patrizia Kwella Sopran, Kai Wessel Alt, Paul Agnew, William Kendall Tenor, Peter Kooy Bass) bringen den komplex rhythmisierten, chromatisch dissonanten Musikstil mit keusch-neutralen Timbres auf den Punkt. Verpixelt und granuliert ist die Hand, am rechten Bildrand ein Efeuzweig räumlich vorgelagert. Da nicht erkennbar ist, wohin die Hand fasst, worauf sie liegt, stellt sich eine geheimnisvolle Stimmung ein, die den Geist der Musik Purcells in ihrem Kern gut erfasst. Für mich die gelungenste (foto)grafische Arbeit der Serie.

Für Giuseppe Tartinis Teufelssonate in g-Moll, seine Sonate in a-Moll, Auszügen aus der „L’arte del arco“ und der „Pastorale“ für Violine in scordatura sehen wir einen Totenkopf ohne Gebiss in schwarz (Plastik oder Gummi) in das Regal eines Kühlschranks platziert. Das Bild ist kalt, scharf und räumlich. Das passt zwar vordergründig zum Sterben und dem berühmtem barocken ,memento mori‘, aber meiner Ansicht nach gar nicht zur Musik des aus Piran stammenden genialen Virtuosen, Lehrers und Komponisten (135 Konzerte und ebenso viele Sonaten sind erhalten). In der Teufelssonate tritt Tartini in einen gewagten Dialog mit dem Belzebub, der ihm in der Nacht erschienen war und einen Pakt  mit dem Musiker schließen wollte. Gestorben wird da nicht. Auch sonst regen die virtuos verschnörkelten Linien und flotten Läufe eher nicht zu Gedanken über das Jenseits an. Auf jeden Fall ein spektakulär wirkungsvolles Sujet, dem schon verwehten Zeitgeist der Totenkopfmoden (einen Zeit lang auf jedem zweiten T-Shirt zu sehen) entsprechend.

Die Fotos der 4 CDs stammen von Anaïs Castaings, Claire Nicolas-Fioraso, Robin Plusquelec und Gwenaël Porte, Studenten der ENSP im Rahmen eines pädagogischen Forschungsprojekts von Fabien Vallos.

Fazit: Äußerst positiv ist, dass das Gemeinschaftsprojekt die Aufmerksamkeit (hoffentlich auch von weniger bewanderten Klassikkennern) auf erstklassige Interpretationen aus dem reichen Back-Katalog eines sehr guten Labels richtet. Die Sujets der Cover, die ausschnittsvergrößert auch auf den inliegenden CD-Hüllen wiederholt werden, wirken trotz digitaler Techniken hübsch museal und bedienen déjà-vu-Stereotype. Nichtsdestotrotz erfreuliche Hingucker. Die Musik hat aber das letzte Sagen und in allen vier Fällen wesentlich mehr zu bieten.

„CAMERATA OBSCURA“
Eine künstlerische Partnerschaft zwischen der École nationale supérieure de la photographie d’Arles und dem Label harmonia mundi, 2019

Abbildungen © harmonia mundi

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„Camerata Obscura“ – Wenn Kunst versucht, Musik zu küssen, 5.0 out of 5 based on 4 ratings

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