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Ein Premierenbesuch von Stephan Reimertz

„Boris Godunow“ von Modest Mussorgski in einer Neuinszenierung an der Oper Nürnberg

© Ludwig Ohla

Sie wollen in die Politik gehen? Nach dieser Oper wollen Sie es nicht mehr! Mit seinem Werk Boris Godunow, das seit fast 150 Jahren auf den Spielplänen an den Opernhäusern in aller Welt steht und von dem allein in der gegenwärtigen Saison 35 Aufführungen von dreizehn Produktionen in zwölf Städten gezeigt werden, wird Ihnen der Komponist Modest Petrowitsch Mussorgski jedwede Lust austreiben, Politiker zu werden. Es ist das undankbarste Geschäft der Welt, so lernen wir aus der 1868 bis 1869 komponierten, mehrfach überarbeiteten und schließlich 1874 am Marijinskij-Theater in Sankt Petersburg uraufgeführten Oper. In der gegenwärtigen Saison erlebt das meistgespielte Stück von Mussorgskiauf dem Kontinent zwei Neuinszenierungen. Im Juli 2017 wird die Deutsche Oper Berlin die Oper unter Leitung von Kirill Karabits in der Inszenierung des englischen Regisseurs Richard Jones aus London übernehmen. Und am vergangenen Samstag hatte die Neuinszenierung von Peter Konwitschny an der Nürnberger Oper Premiere.

Dabei ist interessant zu sehen, dass sowohl Berlin als auch Nürnberg sich für die Urfassung der Partitur entschieden haben, die sich im internationalen Opernbetrieb zunehmend durchsetzt und damit eine Purifikation genießt, wie sie den Symphonien Bruckners bereits seit vierzig Jahren zugutekommt. Beide Komponisten ließen sich, aus heutiger Sicht, zu sehr von Einflüsterungen und Änderungswünschen der damaligen Zeit irritieren. Zudem handelt es sich in beiden Fällen um Koproduktionen. Während die Berliner mit dem Royal Opera House Covent Garden zusammenarbeiten, wo die Produktion im vergangenen März bereits herausgekommen ist, kooperiert das Staatstheater Nürnberg mit den Häusern in Oslo und Lübeck, um das schwere Werk zu stemmen.

Das anhaltende weltweite Interesse an dieser thematisch, dramaturgisch und musikalisch komplexen Oper zeigt, dass das Thema des missverstandenen, am Rande seiner Kräfte operierenden Politikers Allgemeingültigkeit beansprucht und keineswegs auf Russland beschränkt werden kann. Peter Konwitschny, der den „Boris“ in Nürnberg inszenierte, entsagt denn auch allzu billigen Anspielungen auf die gegenwärtige russische Politik. Allein schon für diesen Verzicht werden die Götter der Oper dem 1945 in Frankfurt am Main geborenen Sohn des Dirigenten Franz Konwitschny ihren Segen erteilen. Das Missverständnis des Regietheaters besteht ja meist darin, dass die Regie glaubt, dem Zuschauer die Parallelen zu seiner eigenen Epoche und Situation in aufdringlichen Bildern unter die Nase reiben zu müssen, anstatt ihm die Gelegenheit zu lassen, diese selbst zu entdecken.

Boris Godunow Nürnberg

© Ludwig Ohla

Der Zuschauer muss mitarbeiten

Wie der 26 Jahre ältere Richard Wagner war auch Modest Petrowitsch Mussorgskisein eigener Librettist, und wie der deutsche Komponist überzeugt auch der russische nicht nur mit musikalischem und dramaturgischem Genie, sondern auch mit einer zupackenden dichterischen Begabung und politischem Instinkt. Wie Wagner wagte sich Mussorgski an einige der Schlüsselszenen der Geschichte seines Landes und konnte mit seiner kompositorischen Verwandlung erreichen, dass man allbekannte historische Episoden im Rückblick anders sieht. Während für Deutschland die Zeit der Reichkonstitution, der Nibelungen und des Spätmittelalters seit dem 19. Jahrhundert als besonders identitätsstiftend wahrgenommen werden, war und ist dies in Russland jene sogenannte Zeit der Wirren („smuta“) zwischen dem Tod Iwans VI. (des „Schrecklichen) im Jahre 1584 und dem Jahre 1613, als Michael I. als erster Romanow den Thron bestieg. Die unübersichtlichen, grausamen und phantastischen Ereignisse dieser vierzig Jahre haben Historiker und Dichter immer wieder herausgefordert, gerade weil vieles ungeklärt bleibt und damit Platz für Phantasie lässt.

Die bekannteste Darstellung jener Jahre entstammt der Feder des Historikers und Erzählers Nikolai Michailowitsch Karamsin. Auf seine „Geschichte des Russischen Imperiums“ griff Alexander Sergejewitsch Puschkin zurück, als er seine „dramatische Chronik“ genannte Darstellung der Ereignisse um den Regenten Boris Godunow schreib, ein eher zur Lektüre als zur Aufführung geeignetes Schauspiel..

Die Herausforderungen der politischen Oper

Macht und Intrige waren Sujets, die sowohl Puschkin wie Mussorgski faszinierten. Der Geburtsfehler der politischen Oper besteht dabei fast immer in dem Problem, dass es keine Liebesgeschichte und wenig Frauenrollen gibt. Mit diesem Problem musste sich auch Mussorgski herumschlagen. Das erstaunliche ist, dass er es schon einige Jahre vor „Boris Godunow“ in seiner ersten Oper „Chowanschtschina“ auf geniale und unwiederholbare Weise gelöst hatte. Das Werk erfreute sich in seiner Geschichte weit weniger Aufführungen als „Boris“. In dieser Saison stehen nur drei Produktionen auf den internationalen Spielplänen. Außer Inszenierungen in Moskau und Sankt Petersburg findet eine konzertante Aufführung in Toronto statt. Lev Dodin hat das Werk, in dem es um den Selbstmord eines ganzen Volkes geht, 2014 an der Wiener Staatsoper stringent inszeniert, und in der Tat schenkte die Wiener Aufführung der „Chowanschtschina“ wohl mehr Besuchern eine emphatische Erfahrung als der neue Nürnberger „Boris“. Auf Dauer dürfte die „Chowanschtschina“ sich jedoch auf dem Opernspielplan etablieren, gerade weil auch dieses Werk von einer so ambitionierten Mussorgski-Pflege profitieren kann wie sie jetzt in Nürnberg geübt wurde.

Großfürst Boris Fjodorowitsch Godunow sah sich, so behaupten einige Chronisten, gezwungen, nach dem Tod des Zaren Fjordor I. im Jahre 1598 die Macht zu ergreifen. Mussorgski lässt den Ursupator wider Willen auf Befehl der Staatsmacht vom Volk bejubeln und zeigt sich von Anfang an als Skeptiker und Kritiker der politischen Macht, aber auch von Ruhm und Herrlichkeit des Eroberers. Peter Konwitschny verdeutlicht die Scheinbarkeit und Hinfälligkeit politischer Macht mit einem Kasperltheater auf der Bühne, dessen Puppen die Protagonisten verdoppeln. Man könnte ihm vorwerfen, dass diese Metapher eine Verharmlosung der tatsächlichen Manipulation der Massen darstellt, man könnte auch bemängeln, dass der Regisseur die Idee überdehnt und man als Zuschauer mindestens ab der dritten von sieben Bildern genug vom Kasperltheater hat. Die didaktische Wirkung in dieser Regieidee des überaus pädagogisch inszenierenden Konwitschny besteht jedoch darin, der permanenten Überforderung, die Oper immer darstellt, hier mit einem einfachen Bild entgegenzuwirken. Durchweg könnte man ihm Simplifizierung vorwerfen, man muss jedoch in Rechnung stellen, dass das Libretto nicht weniger komplex ist als mancher Operntext von da Ponte, dass diese Oper sehr viel verschlungener und unübersichtlicher ist als gleichzeitige Werke von Verdi oder Wagner und dass Konwitschny seine Inszenierung nicht ganz zu Unrecht in den Dienst einer Komplexitätsreduktion stellt. Das Nürnberger Premierenpublikum dankte es ihm mit ungestörter Aufmerksamkeit, Disziplin und einem für fränkische Verhältnisse warmen Schlussapplaus.

Boris Godunow Nürnberg

© Ludwig Ohla

Politik, ein undankbares Geschäft

Kaum auf dem Thron, sah sich der historische Godunow von den Moskauer Bojaren dem Vorwurf ausgesetzt, er habe den Zarewitsch Dimitrij Iwanowitsch umgebracht, um an die Macht zu gelangen. Eine Stärke von Mussorgskis Fassung besteht darin, dass sie die Tat weder bestätigt noch widerlegt. Es geht dem Komponisten um die grundsätzliche Konkurrenz zwischen Monarch und Adel, der allen Jahrhunderten neu aufbricht. Vor allem gelang es Mussorgski zu zeigen, wie vergeblich für das Glück und den Ruf eines Herrschers selbst seine besten Taten bleiben.

Auch Boris Godunow hat viel Gutes für sein Land getan, und seine politischen Leistungen sind heute nicht mehr umstritten. Er setzte der Massenflucht der Bauern ein Ende, erhob Moskau zum orthodoxen Patriarchat und stärkte damit die Macht der Kirche, beförderte die wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung des Landes und schmiedete eine Allianz gegen die Bedrohung durch die Türken. Auch er erreichte mehr für sein Land als irgendein anderer europäischer Herrscher seiner Zeit. Doch die Zeitgenossen und lange auch die Geschichtsschreibung dankten es ihm nicht. Als sich dann auch noch ein entlaufener Mönch als der Zarewitsch Dimitrij ausgab und ein Heer gegen Boris aufstellte, starb Boris an einem Schlaganfall. Sein undankbares Schicksal ähnelte in vielen Motiven jenem des Königs Heinrichs IV. von Frankreich, der wenige Jahre nach Boris‘ Tod ermordet wurde, und der heute als der beliebteste französische König gilt. Mussorgski lässt das Ende seiner Oper offen, und Konwitschny entscheidet sich im Geiste seines ironisch-postmodernen Regiekonzepts dafür, den Regenten in Rente gehen zu lassen; eine Lösung, die dem Premierenpublikum sympathisch erschien, dessen Durchschnittsalter sich um die 65 Jahre bewegte. Der bulgarische Bass Nicolai Karnolsky gab in Nürnberg einen musikalisch-dramatisch überzeugenden Boris. Seine Klage über die Welt und die Schwere seines Amtes erinnerte mehrfach an Amfortas. Musikalisch waren die Anklänge so frappant, dass man sich fragen darf, ob Wagner diese russische Oper gekannt hat. Auch scheint es wahrscheinlich, dass Mussorgskij wie Tolstoj oder Prokowiew zu den zahlreichen Schopenhauer-Lesern in Russland gehörte.

Michaela Maria Mayer stand als Boris‘ Tochter Xenia auf der Bühne. Marcus Bosch, seit 2011 Generalmusikdirektor in Nürnberg, dirigierte die Staatsphilharmonie. Es war sein erster Boris, und der Dirigent gab sich extrem zurückhaltend und analytisch, um ein trockenes Widerpart zu Konwitschnys durchdachter Inszenierung bereitzustellen. Besonderen musikalischen Reiz bescherte die Idee, die Glocken des Finales aus dem Opernfoyer erklingen zu lassen. Die Türlschnapperinnen öffneten dazu die Pforten. Hingegen störte in den Obertiteln ein zum Teil peinlicher Jugendjargon, der dem Leser auch in der Kurzfassung der Handlung in dem zum Glück schmalen Programmheft kein Lächeln zu entlocken vermochte.

Unfreiwilliges Opernmuseum eines Nerds?

Peter Konwitschny inszenierte die Oper in einem ironisierten Regietheaterstil, der Erinnerungen an das Agit-Prop der Zwanziger Jahre dialektisch fortführte. In Russland selbst wurde dieser Inszenierungsstil Ende der Zwanziger Jahre aufgegeben und wieder durch klassizistisch-psychologische Inszenierungen ersetzt, die dort bis heute verbindlich geblieben sind. Das russische Verständnis von Werktreue hat den Vorteil, jedem, der das Stück noch nicht kennt, eine maximal verständliche Lesart anzubieten, zudem lassen sie viel Raum für psychologische Nuancen. Mit seiner Auffassung eines ironisch-abstrakten Regietheaters ist Konwitschny etwa auf dem Stand von 1970 angekommen, was der Regisseur, der inzwischen in der Nähe von Nürnberg lebt, auch in seinem persönlichen Auftritt mit Nerdbrille, Zopf (keinem geflochtenen wie bei Mozart, sondern einem Pferdeschwanz), Hemd ohne Jackett, umgeschlagener Jeans und festen Schuhen unterstrich. Immerhin hat Konwitschny damit bewiesen, dass er auch mit 71 Jahren noch ein perfekter Nerd und Hipster ist. Der Abend warf die Frage auf, ob es neben freiwilligem Opernmuseum wie in Wien, wo Inszenierungen von Günter Rennert oder Jean-Pierre Ponnelle zum Teil über Jahrzehnte konserviert werden, auch ein unfreiwilliges Opernmuseum gibt, wo sich als Avantgarde ausgibt, was nur mehr Retrospektive ist.

Boris Godunow
an der Oper Nürnberg bis zum 17. Dezember 2016
Alle Termine hier

Richard-Wagner Platz 2-10
90443 Nürnberg

 

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