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Begegnungen im RückspiegelVon Kirsten Niemann 

Lesung am 24. November 2017, 19.30 Uhr
Zebrano-Theater in Berlin-Friedrichshain.
Sonntagstr. 8
Stefan Strehler liest Taxigeschichten, Thomas Rottenbücher spielt den Blues

Wer bestimmt, welche Musik gespielt wird im Taxi? Die Faustregel lautet: „Je länger die Strecke, die der Fahrgast zurücklegt, umso mehr Ansprüche darf er stellen. Wer am Flughafen Tegel einsteigt und nach Charlottenburg will, darf bei der Lautstärke mitreden, wer bis zum Alex fährt, darf sich wünschen, die Musik auszustellen, und wer von Tegel nach Köpenick will, darf die Senderauswahl mitbestimmen.“ In punkto Musik versteht der Ich-Erzähler in Stefan Strehlers Erzählband „Taxiblues“ keinen Spaß. Aber ansonsten ist er ein netter Zeitgenosse. Was man nicht von allen Berliner Taxifahrern behaupten kann.

Der Taxifahrer ist Botschafter seiner Heimatstadt. Ihm begegnen Ortsfremde schließlich als erstes. Ist er freundlich? Übellaunig? Haut er einen übers Ohr, indem er einen Umweg fährt? Fragt er einen neugierig aus oder schweigt er lieber während der gesamten Fahrt?

Besagter Taxifahrer betrachtet seine Gäste mit Neugierde, er saugt ihre Geschichten auf, lässt sich von ihnen mitunter sogar zu Handlungen verleiten, die ihn vom direkten Weg abführen. In „Besser tanze mit mir“ führt ihn der „Taxigott“ zu einer angetrunkenen und einsamen Frau aus Rumänien, die ihm ihre Geschichte erzählt. Er möchte sie nach Hause fahren, sie will mit ihm tanzen gehen. „Zwölf Uhr Mittag“ ist es, als er eine alte Dame mit Gehgestell zum Friedhof chauffiert, sie sogar zum Grab ihres verstorbenen Mannes begleitet und dann mit ihr über das Thema „Ausländer“ aneinander gerät. Es ist nicht immer einfach, Haltung zu zeigen. Manchmal wird es, wie hier, mit einem Trinkgeld belohnt.

So lädt Stefan Strehler seine Leser dazu ein, Platz zu nehmen in seinem Taxi. Die fahren dann mit ihm kreuz und quer durch das Berlin der frühen 1990er- und 2000er-Jahre. Sie erhaschen kurze Einblicke in das Leben seiner Fahrgäste, etwa einer reichen Dame aus dem Grunewald oder einer schillernd-schönen Prostituierten in Tempelhof.

Gleichzeitig erfahren die Leser mit jeder Geschichte etwas mehr über den Taxifahrer selbst. Immer näher können sie ihm auf den Leib rücken, immer privater werden die Erzählungen. Er beobachtet Menschen, die ankommen oder abreisen, hadern, trauern oder glücklich sind; mit denen er mitfiebern und die er verurteilen kann.

„Taxiblues“ ist aber auch ein Buch über Berlins Aufbruchzeit. Es beschreibt das Leben in der Stadt, ehe diese das internationale Label „hip“ erhalten hat. In den 1990er-Jahren konnten sich junge und nicht mehr ganz so junge Erwachsene noch mit Gelegenheitsjobs wie dem Taxifahren durchschlagen – nicht, weil sie es mussten, sondern weil sie sich gegen eine bürgerliche Existenz entschieden hatten.

Stefan Strehler
Taxiblues
Wiesengrund Verlag, Berlin 2017
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Coverabbildung © Wiesengrund Verlag

 

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