Aspekte der Wagner-Regie

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LiteraturDie Bayreuther Festspiele 2021 finden statt. Doch man muss nicht vor Ort sein, um auf Wagners Grünem Hügel dabei zu sein. So beschäftigt sich unser Autor Stephan Reimertz, bevor er nächste Woche in die Festspielstadt reist, mit dem Symposion am Grünen Hügel von 2019. Sein Urteil: Im dritten Band der Reihe »Diskurs Bayreuth« versucht eine Gruppe von Regisseuren und Adabeis das moderne Wagnertheater zu definieren.

Sommer in Bayreuth sind wie ein jährliches Klassentreffen. Mitwirkende und Stammgäste der Festspiele treffen sich und erzählen sich das Neueste, und natürlich werden die aktuellen Produktionen glossiert. Verständlich, wenn man nicht jede Veranstaltung des immer stärker wuchernden Rahmenprogramms besuchen kann. so habe ich auch bei den bisher letzten Festspielen im Jahre 2019 das Symposion wieder einmal geschwänzt in der Hoffnung, es merke niemand. Aber keine Chance, sie finden dich. Vom Symposion wurde ein Protokoll angefertigt und in Gestalt einer schnuckeligen Buchveröffentlichung uns Alt-Bayreuthern hinterhergeschickt: Der Studienband Szenen-Macher – Wagner-Regie vom 19. Jahrhundert bis heute, erschienen als dritter Band der Reihe Diskurs Bayreuth, herausgegeben. u. a. von Festspielleiterin Katharina Wagner im Bärenreiter Verlag. So bleibt uns nichts anderes übrig, als die Veranstaltung im Nachhinein vor unseren imaginären Augen und Ohren entstehen zu lassen. Ich lade also den Leser ein, mit mir die kleine Allee vorbei an der Büste Ludwig II. auf die Villa Wahnfried zuzuschreiten, das Haus durch die kleine Tür zu betreten und den Vorträgen und Diskussionen jener zu lauschen, die sich berufen fühlen, dem Werk des Meisters noch etwas hinzuzufügen.

Das Jahrhundert der Jahrhundertringe

Am Anfang stand ein Vortrag des allseits hochgeschätzten Musikwissenschaftlers Stephan Mösch, der uns noch einmal in die 1970er Jahre und die Produktion Der Ring des Nibelungen in der Regie von Patrice Chéreau mit Pierre Boulez als Kapellmeister zurückführt. Hier bereits fragen wir uns: Ist das wirklich unvermeidlich? Allzuviel Nostalgie für diesen Ring von 1976ff. verdunkelt Inszenierungen der Tetralogie, die es ebenfalls wert sind, studiert zu werden; man denke nur an Joachim Herz in Leipzig 1973ff., Ruth Berghaus in Frankfurt 1985ff. oder La Fura dels Baus in Valencia 2007ff. Denn sieht man heute die Aufzeichnung der Chéreau/Boulez-Produktion, sind es eher die Darsteller, wie Donald MacIntyre als Wotan, Karl Ridderbusch als Hunding, Gwyneth Jones als Brünnhilde usw., die noch beeindrucken können; ansonsten wirkt das ständige Drohen mit dem »Jahrhundertring« einschüchternd und setzt einseitige Paradigmen, welche die Zeitverhaftung der Veranstaltung überdecken.

Ein Ring von Peter Stein?

Aber wie geht Stephan Mösch an sein Thema heran? Sein Vortrag erweist sich als gute Gelegenheit, noch einmal sehr konkret in medias res zu gehen, sich die spezifischen Umstände der Entstehung und damit auch die historische Bedingtheit des Boulez/Chéreau-Ringes vor Augen zu führen. Der Autor wartet mit ein paar Schlüsselmomenten im Vorfeld dieser Produktion auf. Wenige Zuschauer erinnern sich heute noch, wie zunächst auch Peter Stein für das Projekt im Gespräch war. Zweifellos wäre auch dies ein spannendes, vielleicht sogar ein noch aufregenderes Ereignis geworden. Alles hätte an der Zusammenarbeit von Dirigent und Regisseur gelegen. Stein war damals mit Sprechtheater-Großprojekten in Berlin beschäftigt und hatte noch einen langen Weg zur Oper vor sich, welcher heute in so modellhaften Produktionen wie der Salzburger Pique Dame von 2018 münden.

Die so unterschiedlichen Vorgespräche Wolfgang Wagners mit Chéreau einerseits und Stein andererseits erzählen viel über den theatergeschichtlichen Moment und seine Protagonisten und entbehren auch nicht einer gewissen Komik, wenn etwa Stein befürchtet: »Sonst inszeniere ich da auf der Bühne und im Foyer macht Franz Josef Strauß ein Hoftheater.« Erstaunlich, wenn ein Theaterprofi wie Peter Stein keinen Sinn für den Kollegen Strauß aufbringt, ein theatralisches Urereignis. Es ist wohl die Konkurrenz. Stephan Mösch ordnet das alles sehr kenntnisreich in die Szene der damaligen Zeit ein und bringt auch André Glucksman ins Spiel, dessen Buch Les maîtres penseurs damals entstanden und mit angelegentlicher Fichte- und Hegel-Kritik auch die Wagner-Auffassung von Patrice Chéreau beeinflussen sollte; die Lektion hätte dieser freilich schon von Karl Raimund Popper erhalten können.

Cover: Bärenreiter Verlag

Asservate aus der Opernkiste

Möglicherweise geht man nicht ganz fehl in der Annahme, Mösch arbeite hier seine eigene frühe Prägung ab, denn für einen Autor des Jahrgangs 1964 könnte gerade dieser Ring der erste gewesen sein. Er schlägt den Bogen vom geistesgeschichtlichen Abgrund, über den die Protagonisten taumeln bis hin zur theaterpraktischen Konkretion. Wolfgang Wagner macht eine ausgezeichnete Figur als Festspielleiter, der stets an der Durchführbarkeit des Einzelnen orientiert und in verblüffender Weise immer wieder bereit ist, über den Schatten der eigenen Prägungen zu springen und völlig neuen, ihm selbst fremden Auffassungen vom Werk seines Großvaters Bahn zu brechen. Dabei verliert er nie den Blick für die geistesgeschichtliche Einordnung und meldet Skepsis bezüglich der Kostüme an, welche in die Entstehungszeit des Werkes zurückführen, denn Richard Wagner, so sein Enkel, wolle sich im Ring doch gerade aus der Geschichtlichkeit lösen. Wolfgang Wagner und Franz Josef Strauß waren eben beide ganz anders als die voreingenommene und wutschnaubende Presse ihrer Zeit sie darstellte, was kritischen Geistern freilich auch seinerzeit schon auffiel. Als besonderem Asservat wartet Mösch mit dem Original des Briefes von Patrice Chéreau auf, mit dem dieser sich bei Wolfgang Wagner, wenn man so will: um den Ring bewirbt, und welcher heute, nachdem man das Ergebnis kennt, ein interessantes theatergeschichtliche Dokument darstellt. Allerdings ist es schwierig, gerade zu dieser Inszenierung etwas Neues zu bringen, was nicht schon in Hartmut Zelinskys Standardwerk Richard Wagner – ein deutsches Thema von 1976 steht. Dort wird auch Wagners Hegelrezeption analysiert, aus der überhaupt erst der Begriff Wagnerianer entsprang.

Kauderwelsch, Kladderadatsch und Kinderladendeutsch

Stephan: »Seltsam, dieses Genderwahnfried!
Dabei war der Grüne Hügel doch immer ein Bollwerk gegen den groben Unfug.«
Hartmut: »Ein Bollwerk des groben Unfugs!«

Katharina Wagner ist eine einfallsreiche Festspielleiterin, und in der Geschichte Bayreuths wird sie als diejenige gelten, welche die Festspiele intellektuell geöffnet, den Mut zu Erkundungen gezeigt und damit ganz im Sinne ihres Urgroßvaters gehandelt hat. Dessen Forderung: »Kinder, schafft Neues!« ist auch eines der Worte des Komponisten, welche auf dem Symposion am meisten zitiert werden. Der Titel des Bandes: Szenen-Macher freilich erscheint als Achtundsechziger-Infantilismus aus der Zeit der »Lieder-Macher« und »Filme-Macher«. Tatsächlich kann man in den Referaten und Diskussionsbeiträgen des Jahres 2019, die hier aufgezeichnet sind, nicht zuletzt sehen, was aus den Sprösslingen der Kinderläden und Gesamtschulen geworden ist. Wer als Jugendlicher seine Freizeit mit Klavierüben und Griechisch- und Lateinpauken verbracht hat, fragt sich vielleicht, was jene Mitschüler, die den ganzen Tag vor dem Fernseher hockten und die man die Halbstarken nannte, heute machen. Nun wissen wir es: Heute machen sie Opernregie. Katharina Wagners Intendanz ist bislang ebenso durch musikalische Höhepunkte wie Tiefpunkte der Regie gekennzeichnet. Man wird ihr dies nicht vorwerfen, denn man kann nur die Dirigenten und Regisseure engagieren, die eben da sind. Wenn sich Regisseure wie Tobias Kratzer im neuen Band von Diskurs Bayreuth nun selbst zu ihren Inszenierungen äußern  (Feuilletonscout berichtete am 31. Juli 2019 von der neuen Tannhäuser-Inszenierung und ihren dramaturgischen Fehlern), wird freilich klar, wie es hier mitnichten zu Zufallspannen kam, sondern wie der ganze Kladderadatsch aus dem immer noch fruchtbaren Schoß der Bildungskatastrophe kroch.

Das seltsame Verhalten von Erwachsenen zur Festspielzeit

Wer bei den Festspielen 2019 zugegen war, wird mir vielleicht zustimmen, wenn ich behaupte: nicht das Symposion, ja nicht einmal die neue Tannhäuser-Inszenierung waren das entscheidende Ereignis dieses Bayreuther Sommers, sondern die Vorstellung des Buches Les Voyageurs de l’Or du Rhin in der Villa Wahnfried von Luc-Henri Roger. (Wir werden das Buch in Kürze ebenfalls vorstellen.) In dem Symposion freilich, dem wir hier lediglich via schriftlicher Zusammenfassung folgen, frappiert den Besucher, respektive Leser dann doch der theaterwissenschaftliche Tunnelblick einer bestimmten Funktionärs- und Ideologenkaste. Die Namen Aristoteles, Aristophanes, Sophokles usw. kommen gar nicht vor. Man greife doch besser zu dem Buch von Wieland Wagner: Richard Wagner und das neue Bayreuth (1963), dort wird man  profunder, umfänglicher und weniger ressentimentgeladen über die Wagner-Dramaturgie informiert. In Bayreuth jedoch sägten die Dramaturgen, Regisseure und Musikwissenschaftler mit ihrem Genderdada an dem Ast, auf dem sie sitzen. So wird an der Universität Oxford derzeit ernsthaft darüber diskutiert, Mozart, Beethoven und Schubert als »tote weiße Männer« aus dem Lehrplan zu streichen, ebenso die Notenschrift, »weil diese aus dem Zeitalter des Kolonialismus stammt«.

Politisch motivierter Jargon statt Musikwissenschaft

Ein ähnlich absurder Jargon wurde offenbar auf dem Symposion gesprochen, folgt man den schriftlichen Aufzeichnungen. Die Akten des Symposions vertiefen nur den verheerenden Eindruck auf der Bühne. Aufmerksamkeit heischen um jeden Preis ist das Motto mancher Vertreter dieser neuen Regiegeneration. So nennt Tobias Kratzer das prätentiöse und banal pseudointellektuelle Filmchen, mit dem er seinen Tannhäuser aufpäppelt, allen Ernstes eine »durative Performance«. Man biedert sich der Fernsehjugend an, ohne diese damit als Zuschauer zu gewinnen

Selbstporträt eines bestimmten Milieus

„Ehrt Eure deutschen Meisterinnen und Meister!
Dann bannt Ihr gute Geisterinnen und Geister.“
Riccarda Wagner: »Die Meistersingerinnen und Meistersinger von Nürnberg«

Wer wenn nicht Künstler und Intellektuelle können sich dem Politjargon entgegenstemmen? Allein Regisseur Wolfgang Nägele schafft es, in einem einzigen mündlichen Statement »Sänger*innen«, »Gesangsprofessor*innen«, »der/die Sänger*in« und »Regisseur*innen« usw. unterzubringen. Wie spricht man so etwas aus? Johannes Erath sagt: »Ich habe schon sehr despotische RegisseurInnnen erlebt.« Ja, was nun? Sogar Paul Esterházy hat sich bereits gleichgeschaltet und spricht von »Gesangsstudierenden«. Hat ein promovierter Jurist und gestandener Regisseur von Mitte Sechzig, der noch dazu dem europäischen Hochadel angehört, das nötig? Was ist der Grund für dieses seltsame Verhalten von Erwachsenen zur Festspielzeit?

Ich finde, die Pseudointellektuellen im neuen Genderwahnfried übertreiben ihre Selbstdarstellung und ihre Anpassung an einen erst erwarteten und nur in Umrissen erkennbaren Aggressor in bestürzender Weise. Kerstin Schüssler-Bach erzählt freundlicherweise noch einmal die Geschichte der Festspielleiterinnen Cosima und Winifred; für alle, die diese in der Zwischenzeit vergessen haben sollten, rügt freilich Winifred Wagners Nibelungentreue zu »USA«.

Das Gendersternchen ist der Leitstern der Nibelungen von heute

Nach »Sängerinnen und Sängern«, sowie »Sänger*innen« treten im Richard-Wagner-Festspielhaus jetzt auch »Singende« auf! Ein Sänger freilich ist ein Singender nur, wenn er singt, und nicht jeder Singende ist ein Sänger. Wie freut man sich da über Christof U. Meiers Konzertmoderation mit überraschenden Parallelen zwischen Wagner und Komponisten seiner Zeit, oder den prägnanten, informativen und sachlichen Aufsatz von Markus Kiesel über die Ära Siegfried Wagner ohne jedes Gendergehabe: Geht doch!

Szenen-Macher
Wagner-Regie vom 19. Jahrhundert bis heute
herausgegeben von Katharina Wagner, holger von Berg und Marie Luise Maintz
Bärenreiter Verlag, Kassel 2020
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