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Am Wochenende ging Ultraschall Berlin - das Festival für neue Musik zu EndeStephan Reimertz hat es besucht und bringt einen Gemischtwarenladen an Eindrücken mit.
Doch eines ist sicher: Es ist gut, dass es das Festival gibt.

Ultraschall, Ultraschwall supra urbem, über der ganzen Stadt Berlin, in ihren von Klang überfüllten Sälen und Hallen! Glocken, Klaviere, Stimmen, sie schwingen und schaukeln, wogen und wiegen ausholend an ihren Balken, in ihren Stühlen, auf ihren Bühnen, hundertstimmig, in babylonischem zeitgenössischen Durcheinander. Nicht mit Gemütlichkeit und Bellezza besticht die deutsche Hauptstadt, sondern mit Nüchternheit und Monumentalität. Und vor allem mit einem gefürchtet kritischen Publikum. Grund genug für Deutschlandradio Kultur und das Kultururradio des RBB, ihr Festival für zeitgenössische Musik hier stattfinden zu lassen, selbst wenn der Titel »Ultraschall« besser zu einem Radiologenkongress passen würde An fünf Tagen finden 14 Konzerte statt, wobei die Stimme im Mittelpunkt stehen soll, die ja in der Tat Alpha et Omega der Musik ist. Die Stimme soll in all ihren Möglichkeiten erklingen. Es sind also auch prominente Sprecher wie Udo Samel – als Schubert-Darsteller und Opernregisseur der Musik ohnehin verbunden – und Gerd Wameling zu hören, vor allem aber Sänger aller Provenienzen.

Ohne die fachliche, organisatorische und finanzielle Betreuung durch die beiden öffentlich-rechtlichen Medien wäre diese glanzvolle und notwendige Veranstaltung nicht möglich. Allein elf Ur- und Erstaufführungen können bei dieser Gelegenheit erklingen. Insgesamt wird ein weiter Fächer von musikalischen Techniken und Auffassungen geboten, wenn Ultraschall auch nur ein Ausschnitt des gegenwärtigen außerordentlich reichen Schaffens auf dem Gebiet jener Musik, die man zeitgenössische Klassik nennt, vorstellen kann. Ein entscheidender Beitrag zum Verständnis der Gegenwart wird hier geleistet, und es zeigt sich wieder einmal, dass Deutschland vor allem ein Land des Geistes und der Kultur ist, selbst wenn gewisse Kreise uns weismachen wollen, es ginge in unserem Land allein um Wirtschaft und Sport. Weltweit wird mit klassischer Musik mehr Geld verdient als mit Sport. Und auch ein Konzert ist eine wirtschaftliche Veranstaltung, dies sogar in hohem Maße. Kultur ist Reichtum, und nicht umgekehrt. Mit fast siebentausend Opernaufführungen pro Jahr liegt Deutschland weit vorn, noch vor Rußland und Italien, die je auf etwa fünfzehnhundert Aufführungen kommen. Hinzu kommt die immer noch große Anzahl von Orchestern in unserem Land und nicht zuletzt von freien Gruppen im Bereich Ballett und Tanztheater.

Klassizität oder Neokonservatismus?

Das liebevoll und kenntnisreich organisierte Festival unternahm den Versuch, möglichst viele Länder und Klänge zum Klingen zu bringen. Weltberühmte Komponisten wie Mauricio Kagel, György Kurtág, Helmut Lachenmann und Iannis Xenakis waren ebenso präsent wie hierzulande weniger bekannte Musiker wie die Schwedin Karin Rehnqvuist oder die Irin Jennifer Walshe. Man hätte sich auch nicht scheuen müssen, sehr junge Komponisten, die zum Teil noch an den Musikhochschulen studieren, einzuladen. Unter ihnen gibt es herausragende Begabungen, wie etwa die zwanzigjährige Starnbergerin Katharina Müller, ein typisches Wunderkind. Tatsächlich könnte man ein Festival der zeitgenössischen Musik auch mit lauter Komponisten unter dreißig organisieren, denn weltweit ist auf diesem Gebiet auch an den Musikhochschulen einiges los. In Berlin setzt man auf bewährte Namen, bringt dabei aber auch vielerlei Neuentdeckungen.

Ultraschall Berlin 2017: Kuss Quartett und Mojca Erdmann / © Kai Bienert

Bekanntlich altert nichts so schnell wie die Neue Musik, wie schon Adorno 1954 festgestellt hat. Nun gibt es natürlich Musik, die bereits veraltet auf die Welt kommt. Ein Beispiel hierfür sind die aphoristisch knapp gehaltenen Streichquertett-Fragmente des Engländers Harrison Birtwistle. Von Birtwistle heißt es im Veranstaltungsprogramm, er sei ein »Komponist mit Liebe zur Bildenden Kunst, zur Lyrik und zum Ritual«. Wer hat die nicht? Immerhin ist Birtwistle ein großartiger Name für einen Komponisten, besonders im Zeitalter von Edward Snowden. Das Kuss Quartett spielte drei Kompositionen des Nordwest-Engländers und steigerte sich kongenial in dessen Neigung zur klanglichen Schönheit, verbunden mit musikalischer Aphoristik, hinein. Man tut dem über achtzigjährigen Komponisten keineswegs unrecht, wenn man ihn als Neokonservativen tituliert. In seiner Spannung zur Atonalität bewegt sich Birtwistle etwa auf dem Niveau von 1909.

Die Grechtchenfrage der zeitgenössischen Musik

Es schadete der Veranstaltung keineswegs, wenn man bei einzelnen Kompositionen heftige Anfälle von Das-kann-ich auch-komponieren! durchleidet. Enno Poppes Streichquartett Freizeit etwa ist ein Variationssatz schlichter Machart, wo sich jede Variation als einzelner Satz ausgibt, wodurch die Musiker echt was zu blättern haben. So wird das Agogische Teil der Komposition. Helmut Lachenmanns Kabinettstückchen Toccatina von 1986, eine Art Pizziccato, das allein mit der Spannschraube des Bogens erzeugt wird, und das der 1935 geborene Schwabe Studie für Violine allein nennt, lotet die Grenze des Hörbaren aus. Lachenmann hat Violinisten immer wieder angewiesen, diese Komposition zu »verkaufen«, wie er sich ausdrückt. Offenbar ist der Komponist von Sorge befallen, dem Publikum könnte die Intention des Stückes entgehen. Dazu besteht allerdings kein Anlass. Nicht selten bildet die Zugabe den Höhepunkt eines Konzerts; so bewegt eine Liedtranskription Aribert Reimanns nach Schumann in der Besetzung für Singstimme und Streichquartett. Die Sängerin Mojca Erdmann, bestens bekannt aus Salzburg, wo sie in Wolfgang Rihms bejubeltem Dionysos sang, zeigt sich als Künstlerin von imponierender Bühnenpräsenz.

Ultraschall Berlin 2017: Solistenensemble Phoenix16 / © Kai Bienert

Die Gretchenfrage eines solchen Musikfestivals wie Ultraschall ist natürlich: Kann man aus den vorgestellten Beispielen eine allgemeine Tendenz der Musik von heute herausdestillieren? Die Antwort muss eine pessimistische sein: Wie im Falle von Harrison Birtwistle kann man eine Neigung der Komponisten erkennen, ins Fragmentarische auszuweichen, weil ihnen eine Gesamtdeutung der Welt nicht mehr möglich scheint, in die Belezza zu fliehen, weil sie vor gesellschaftlich-revolutionärer Attitüde zurückschrecken. Eine solche Haltung ist aber feige und keineswegs das, was die heutige Zeit braucht. Dies zeigt sich in ebenso imponierender wie erschreckender Weise, als im Kontrast zum heutigem Kleinmut Musik aus den sechziger und siebziger Jahren erklingt, vorzugsweise von osteuropäischen und türkischen Komponisten wie Iannis Xenakis, Ivo Malek und Vinko Globokar. Das Solistenensemble  PHØNIX16 trägt diese teils elektronische, teils Chormusik hinreißend vor. Und dieses Wiederhören erinnert alle Zuhörer daran, dass Musik vor einigen Jahrzehnten Verheißung und Versprechen der Utopie war. Nicht nur darum wirkt dieser Teil des Festivals so stark auf die Zuhörer. Von der heutigen modernen Klassik sollen wir oft zu geschmäcklerisch-resignativen Opportunisten erzogen werden. Schlimmer noch: Dudelmusik angloamerikanischer Provenienz wird in den Medien auf eine Weise behandelt, die früher Rubinstein und Karajan vorbehalten war. Die Verleihung des Literaturnobelpreises an einen US-amerikanischen Radiodudelmusiksänger ist der vorläufige Höhepunkt dieser Art von Gehirnwäsche und kann als Parallelaktion zur Wahl von Donald Trump gesehen werden. Außerdem wird gehirnerweichende Schlagermusik in englischer Sprache auch zwischen ansonsten anspruchsvolle Beiträge des Kulturradios eingeblendet. Es soll der Eindruck erweckt werden, dass dergleichen ganz normal sei. In einem solchen historischen Situation kommt der Erinnerung revolutionärer Musik der sechziger und siebziger Jahre besondere Bedeutung zu. Hier schlägt die gesellschaftliche Heilserwartung in eschatologische Klänge um. Es ist der hoffnungsvollste Moment des Festivals.

Die gequälte germanische Seele

Musikalischer Mitspieler der besonderen Art war der jeweilige Ort, an dem die Konzerte stattfinden. Drei aufregende Spielstätten stehen zur Verfügung. Im Radialsystem V inmitten einer planlos ausgekippten Spielkistenarchitektur findet eine denkwürdige Begegnung mit Liedern von Wolfgang Rihm statt. Auch ein genialer Komponist hat das Recht auf schwache Stunden. Es sollte ein polizeiliches Verbot erlassen werden, Gedichte von Rainer Maria Rilke zu vertonen. Die Texte dieses Dichters besitzen eine so große Musikalität, dass ein Musikant nichts mehr hinzufügen, nur noch wegnehmen kann. Das beweisen auch die Rilke-Lieder von Rihm, die schlicht monoton und langweilig sind. Tödlich hingegen wirkt sich aus, wenn ein Musikant geniale Verse wie Hochrot von Karoline von Günderrode zu vertonen versucht. Ein schwerer Konzeptfehler des Festivals, das sich doch die Beziehung von Stimme und Instrument auf die Fahnen geschrieben hat, besteht darin, dass die Texte nicht verfügbar sind, obgleich das Programmheft 120 Seiten umfaßt und genug Platz für alle Texte gehabt hätte. Der Tenor Christoph Prégardien gleicht das Problem mit vorbildlicher Textverständlichkeit aus, welche die Schwächen von Rihms Liedern gegenüber den großen Dichtungen allerdings nur deutlicher machen. Auch die Moderationen und Gespräche am Rande der Konzerte sind entbehrlich und irreführend, weil sie die Musik nur semantisch umstellen, wo sie für sich selbst sprechen will.

Ultraschall Berlin 2017, Radialsystem,
Gedichte von Wolfgang Rihm ,
Tenor: Christoph Prégardien,
Klavier: Christoph Schnackertz,/ © Kai Bienert

Skandinavische Komponisten wie Allan Gravaard Madsen, Lotta Wennäkoski und Karin Rehnqvist gelingt es, mit ihrer an archaischen Vorbildern orientierten Musik einen besonderen Akzent zu setzen. Germanische Urlaute, seit über tausend Jahren aus dem Bewusstsein verbannt, bahnen sich hier wieder einen, oft schmerzvollen, Weg. Neben dem Radialsystem und dem Heimathafen Neukölln, einem Vorstadttheater aus dem neunzehnten Jahrhundert, ist es einer der Glanzstücke der modernen Architektur in Berlin, der als Spielort dient: Das 1929 von Hans Poelzig errichtete Haus des Rundfunks. Hier bringt das Konzertfinale mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter dem Dirigenten Dennis Russel Davies die tiefe Kluft auf den Punkt, welche die zeitgenössische Klassik spaltet. Die sogenannte Fünfte Symphonie von Heinz Winbek wäre eine passende Ratemusik für die Quizshow Erkennen Sie die Melodie? gewesen. Neben Anspielungen auf Mahler, Johann Strauß und Verdi schwelgte er vor allem in Reminiszenzen an Bruckners Neunte Symphonie und Wagners Götterdämmerung. Leider war das ganze für einen musikalischen Spaß mit einer Stunde Aufführungsdauer eindeutig zu lang. Das eigentlich Schlimme: Es war ernst gemeint. Die Tatsache, dass Anton Bruckner seine Neunte Symphonie selbst abbrach, weil er das musikalische Material für ausreichend bearbeitet ansah, hätte Winbeck zu denken geben sollen, als er sich daran machte, nach seiner Ansicht noch nicht ausgearbeitete Aspekte von Bruckners Komposition auszuwalzen. Wenn man freundlich ist, kann man das Werk als musikalische Postmoderne bezeichnen, weniger freundlich als musikalischen Quatsch. Vor allem ist es tief reaktionär.

Die Orchesterlieder Triptico verticali des jungen deutschen Komponisten Philipp Mainz, vorgetragen von der Sängerin Marisol Montalvo, welche die Herzen der Zuhörer im musikalischen Sturm einer aufregenden Musik gewann, reißt den letzten Abend dann wieder heraus. Das Deutsche Symphonie-Orchester bewältigt diese aus Monumentalität und Subtilität genial zusammengesetzte Partitur bravourös. Gleichzeitig findet in Berlin die Fashion Week statt, wovon man allerdings nichts merkt. Das Publikum von »Ultraschall« wirkt ausgesprochen nerdig, oft scheint es geradezu komisch, wie ein zerzauseltes Publikum mit scholastischer Aufmerksamkeit der Musik lauscht. Die meisten Schuhe sind nie dem Erdal-Frosch begegnet. Hier wäre ein »Quak!« an manchem Schuh Musik für die Augen! Aber »Ultraschall« geht weiter: Wenn auch die Live-Konzerte am Sonntag zu Ende gingen, werden sie sukzessive im Kulturradio ausgestrahlt.

 

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