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Stephan Reimertz geht ins Theater am Gärtnerplatz in München und besucht die Spielzeitpremiere von Gaetano Donizettis Meisterwerk Don Pasquale in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender. Und er fragt sich: Ist diese Musik besonders modern oder besonders altmodisch?

»Welches war Ihre erste Oper?« werde ich oft gefragt. »Lucia di Lammermoor mit Maria Callas!« »Moment mal – Maria Callas sang die Lucia 1961, und Sie sind 1962 geboren!« »Na und? – Ich besuchte die Aufführung im Bauch meiner Mutter« Nach solcherart pränataler Beschallung kam ich also bereits mit einer genauen Vorstellung der idealen Donizetti-Interpretation zur Welt. Wie schön, dass ich im späteren Leben selten enttäuscht wurde. Lucia di Lammermoor hat mir vor einigen Jahren sogar Bauchschmerzen weggeblasen. Einige alte Kenner, die ich am Stehplatz in der Wiener Staatsoper traf, und die alles gesehen haben, behaupten allerdings Don Pasquale sei das Meisterwerk von Gaetano Donizetti.

Ist das jetzt besonders schlau oder besonders einfallslos?

Die Worte aus dem Dritten Akt: Com’è gentil la notte a mezzo april! machten wir uns zu eigen, als am vergangenen Sonntag die Wiederaufnahme (pardon: Spielzeitpremiere!) des Meisterwerks am Gärtnerplatz in München stieg. Es war ein warmer Aprilabend, und auf dem Rasen lagerten schon die ersten Opernbesucher und aßen Eis. Dann durften wir die legendäre Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender als Regisseurin erleben. Gemäß der Tradition des Gärtnerplatztheaters lieferte sie eine werkgetreue, humorvolle Inszenierung ab. Bettina Munzer gestaltete Bühne und Kostüme, und sie hatte mit letzteren etwas mehr Glück, fein stilisierten bürgerlichen Gewändern des neunzehnten Jahrhunderts, die ihr besonders bei den Damen gut gelangen. Dr. Malatesta (Mathias Hausmann) ist bei Fassbaender ein Zahnarzt, was uns in der ersten Szene eine Zahnarztpraxis und den entsprechenden Behandlungssessel beschert. Dann gehen Regisseurin und Bühnenbildnerin die Ideen aus. Oder nicht? Wir befinden uns die ganze Zeit über in einem blauen Kubus. Den Spielorten fehlt aber die soziale Konkretion. Oder wollen sie uns damit sagen, dass das moderne bürgerliche Individuum an ortlosen Orten lebt? Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das Bühnenbild als einfallslos tadeln oder als besonders schlau loben soll …

Mathias Hausmann (Malatesta), Marco Filippo Romano (Don Pasquale), Anja-Nina Bahrmann (Norina), Bogdan Mihai (Ernesto) / © Thomas Dashuber

Neffe macht Onkel die Geliebte streitig

Ich habe auch einen kleinen Neffen, und frage mich, wie es sein würde, wenn dieser als fescher junger Mann mir eines Tages die Geliebte streitig machen sollte. Genau das passiert nämlich in Don Pasquale. »Ist das ganze eine Parodie auf Tristan und Isolde?« »Jedenfalls nicht auf die Oper von Wagner. Don Pasquale wurde 1843 in Paris uraufgeführt, Tristan und Isolde 1865 in München.« Levente Páll in der Titelrolle ist ein Sänger und Komödiant von Gnaden. Mit Fassung erträgt er, dass sein Neffe Ernesto (Gyul Rab) ihm die schöne Norina (Sophie Mitterhuber) und damit auch deren Mitgift, ausspannt. Ute Walther als Notar erinnert daran, dass die Librettisten, nicht anders als Lorenzo da Ponte im Falle von Così fan tutte, Komödien-Schüler des Molière sind.

Ein warmer Frühlingsabend in München

Es scheint unfassbar, dass Gaetano Donizetti, der Maestro aus Bergamo, diese interessante, rhythmisch, melodisch und thematisch so vielseitige und immer wieder überraschende Partitur in nur elf Tagen geschrieben haben soll, wie behauptet wird. Trotz Krankheit schuf er unzählige Opern, darunter zahlreiche bis heute vielgespielte Meisterwerke. Michael Brandtstätter hat das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz voll im Griff und präsentiert mit Leichtigkeit und Eleganz eine hochintelligente, zauberhafte Partitur, die ihren Schöpfer neben die großen Opernkomponisten des neunzehnten Jahrhunderts stellt. Und wie irreführend ist der Begriff Belcanto! Donizetti lässt uns das untergründige Rumoren der Seele im beginnenden technischen Zeitalter hören. Wer würde es wagen, einen Bogen von der Comedia dell’Arte zum modernen Musiktheater zu schlagen? Und doch ist es Gaetano Donizetti mit dieser genialen musikalischen Komödie gelungen. Am Gärtnerplatz kann man wieder einmal eine sehens- und hörenswerte Aufführung genießen. Als Moral von der Geschicht lernen wir am Ende: Man sollte nicht zu spät heiraten!

Gärtnerplatztheater
Gärtnerplatz 3
80469 München

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