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Wenn man jemandem ein kurzes, aber wildes Leben bescheinigt, so impliziert das zumindest einen Hauch von Lebensfreude, Verheißungsvollem und vielleicht auch ein bisschen Bewunderung von Seiten des Betrachters. Ein verkorkstes Leben hingegen hält nichts mehr bereit als Tragik. Das Leben von Albertine Sarrazin mag irgendwo dazwischen gelegen haben. 1937 in Algier geboren, wird sie mit 18 Monaten von einem älteren Ehepaar adoptiert. Mit zehn Jahren kommt sie in ein Erziehungsheim, nachdem ein Unbekannter sie vergewaltigt hatte. Die Schülerin mit Bestnoten in Literatur und Latein und eine Virtuosin auf der Geige, hielt es in der Besserungsanstalt nicht aus, türmte und schlug sich als Teenager mit Prostitution und Diebstählen in Paris durch, bis sie nach einen Raubüberfall erneut eine Gefängnisstrafe verbüßen muss – dieses Mal sieben Jahre.

Mit 19 Jahren nutzt sie den Freigang für die Abiturprüfung, um erneut zu fliehen. Dabei trifft sie auf Julien Sarrazin, der ihr hilft, und den sie schließlich heiratet. Die acht Jahre ihrer Ehe verbringen sie meist getrennt voneinander, untergebracht in verschiedenen Gefängnissen.

In diesen Jahren beginnt sie zu schreiben. Die Erinnerungen an die Gefängnisaufenthalte sind ihr Reservoir. Nach Sarrazins Freilassung entstehen daraus ihre Romane „L’Astragale“ und „La Cavalle“, die mit Unterstützung von Simone de Beauvoir 1965 erscheinen und als Knast- und Kriminalliteratur eine Sensation hervorrufen. Mit „La Traversière“ erscheint im selben Jahr ihr dritter Roman. 1966 wird Albertine Sarrazin mit dem „Prix du Quatre Jurys“ ausgezeichnet. Nur ein Jahr später stirbt sie erst 29jährig während einer Operation.

Jetzt gibt es „Astragalus“ in neuer Übersetzung.

Patti Smith schreibt in ihrem Nachwort: „Ein weiblicher Genet? Sie ist einfach sie. Sie hat einen unverwechselbaren, gehobenen Pokerface-Stil zwischen Poesie und Kriminalroman.“ (veröffentlicht in der ZEIT 09/2013)

Albertine Sarrazin
Astragalus
Hanser Berlin, Berlin 2013

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