Achtzigtausend Wörter Schweigen – Lukas Rietzschels Jugendroman

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Von Carsten Schmidt.

Wer Lukas Rietzschel sieht, wie er in der Mensa der Hochschule Zittau/Görlitz sitzt, gleichaltrig mit vielen Studierenden, wie er sympathisch und mit langsamen Bewegungen erscheint, wie er ruhig und gleichzeitig neugierig mit einem spricht – der ahnt, dass hier ein wachsamer junger Mann steht, den man zwingend getrennt betrachten muss von den beiden anderen Ebenen, mit denen man ihn zumeist in Verbindung bringt. Das eine ist der Hype, die Aufregung, die monatelange Lesetour, die er noch bis Mai für, durch und mit Ullstein vollführen wird. Es ist das, was die Menschen in ihm sehen wollen, was sie bereits vor den Interviews mit ihm in ihren Köpfen haben und auf ihn übertragen, die Labels, die Vorstellungen, die Titel wie Erklärer des Rechtsradikalismus, der angeblich „den“ Roman der 2000er Jahre über den Osten schlechthin geschrieben habe usw.

Das zweite ist das, was wirklich auf dem Papier zu sehen ist. Das gilt es zu trennen vom Menschen, der klug genug ist, der öffentlichen Debatte weitestgehend fernzubleiben und nicht darin zu baden wie andere.

Buchcover © Ullstein Verlag

Auf 320 Seiten legt Rietzschel Szenen einer Gruppe von Jugendlichen dar, die in einem halbwegs fiktiven Ort „Neschwitz“ zwischen Dresden und Görlitz aufwachsen. Vor allem wird das Brüderpaar Philipp und Tobias geschildert, deren Eltern als Elektriker und Krankenschwester in der krisengeschüttelten ostdeutschen Braunkohleregion in recht stabilen Verhältnissen leben, wenn man es vergleicht mit den Langzeitarbeitslosen, die einen Teil der Bekanntschaft der Familie ausmacht und die die Verlierer sind einer Gegend, in der nach der Schließung großer Werke meist wenig Neues entstand. Die erzählte Zeit umspannt etwa 15 Jahre, vom Schulanfang der beiden Jungen bis zu ihrer Volljährigkeit. Das Nachwirken der Wende, die nachdonnernden Schockwellen der Schließungen und das zähe Gefühl von Ohnmacht bilden so etwas wie den unerzählten Teppich, das diffuse Moosgeflecht in einem Wald von individuellen Geschichten.

Die Geschichte beginnt mit dem Neubau eines Hauses, in welches die Eltern von Philipp und Tobias ziehen. Dabei hilft der ehemalige Kollege Uwe, dem der Vater immer wieder Strohhalme reicht, ihm außer mit ein paar Arbeiten jedoch nicht weiterhelfen kann. Erzählt wird auch in Ansätzen das Verhältnis der Brüder, die einen gewissen Stolz für einander haben und sich z. B. ein wohliges Gefühl beim jüngeren Tobias einstellt, seinem älteren Bruder auf die Grundschule zu folgen. Die Grundschule wird in mehrfacher Hinsicht im Laufe der Geschichte symbolischer Ort der Identifikation und gleichsam Reibebrett zwischen Heranwachsenden und Autoritäten.

Das Aufwachsen der Brüder, die kriselnde Ehe der Eltern, das Auseinanderdriften der Linien und die Entwicklung von Gewaltpotential sind die erzählerischen Ansätze der Handlung. Die Umsetzung von all dem ist jedoch von vielen handwerklichen Schwierigkeiten begleitet. Zum einen sind die großen Auslassungs-Lücken von einigen Jahren problematisch, so dass man von einem „Coming of age Roman“ kaum reden kann. Zum anderen ist die Themendecke, das wirklich inhaltliche, was verhandelt wird, nicht griffig und substanziell genug, um das Werk einen tiefgründigen Gesellschaftsroman zu nennen.

Dazu sind auch die Charaktereigenschaften und wirklichen Entwicklungen viel zu wenig auserzählt. Punktuell gelingt es Rietzschel allerdings ganz gut, die Kinderwelt und die Erwachsenenwelt voneinander getrennt zu betrachten, die Insignien der Macht zu beschreiben, Zigarette, Garagentor, Fahnenmast. Auch die Gewaltsteigerung, die Objekte, an denen sich das Testosteron abarbeitet – vom Böller am Garagentor über Hakenkreuze auf dem Stein bis zum Schweinekopf vor der Haustür. Das direkt Szenische klappt tatsächlich ab und an. Das Große, Runde, Tiefe jedoch bleibt auf der Strecke. Was auf über 300 Seiten erzählt wird, ist das Zögern, das Schweigen, die Unsicherheit, das Verstummen, das Nicken, das Schulterzucken und das Mitmachen, Mitfahren, Mitlaufen. Dies jedoch geschieht auf eine erzählerisch zähe, dünne Art, dass es nicht mehr mit stilistischem Mittel oder Minimalismus erklärt werden kann, wenn hunderte Sätze klingen wie: „Er blickte zum See. Enten. Der Mais stand hoch. Draußen war es warm. Regen.“

Einiges scheint schlichtweg konstruiert, so als müssten eben zwangsläufig in solch einen Jugendroman Wörter wie „schwul“, „Jude“ und zumindest eine Fahrt nach Hoyerswerda gemacht werden, nur wird in der Szene von Hoyerswerda nichts über das Verhältnis der Großeltern oder der Brüder weiterentwickelt.

Wirklich schwierig auszuhalten über 300 Seiten ist die Unsicherheit des Autors, sich für einen Fokus zu entscheiden. Es scheint, als würde ständig die Linse wackeln oder die Perspektive geändert werden. In einer Szene heißt es: „Manchmal erzählte er, dass er eigentlich von seinen Großeltern aufgezogen wurde, weil seine Eltern so häufig arbeiten waren. Ihm gefiel das. Es klang besonders und machte ihn spannend.“

Hier spricht ein erklärender Erzähler, der zusammenfasst und die Motivation, die Emotionen der Figuren zu erklären scheint. Während die Figuren also oft nur Banales sagen, tritt immer wieder, auf praktisch jeder Seite des Buches, ein Erzähler wie vor die Leinwand eines Stummfilms und erklärt uns, dass sich jetzt Figur A schämt, dass Figur B absichtlich nicht hinschauen mag und Figur C. Angst hat. Und die Leser sitzen wie im Kinosessel und möchten gern den Film schauen, was der Erzähler aber nicht duldet. Er will alles erklären, wenn es die Handlung und die Figuren nicht selbst tun. Er erklärt Kleinstes aus bis hin zum „schüttelte Menzel zur Begrüßung die Hand“ – und man möchte aufspringen als Leser aus dem Kinosessel und rufen: Ist ja gut, wir wissen, wozu man die Hand schüttelt. Geh beiseite, ich will den Film sehen.

Nur: Der Film hat ausschließlich die Sprache des Erklärers, des Auserzählers. Dadurch erhalten die Heranwachsenden eine Sprache, die nicht die von Jugendlichen ist. Jugendliche reflektieren nicht in dieser Form, wie es Rietzschel zeigt. Sie führen keine strategischen Gespräche wie Erwachsene in einem Personalgespräch. Vieles bleibt unrealistisch, vor allem die emotionale Reife und Reflexionsfähigkeit ist eher die eines klugen 24-jährigen Rietzschels, aber nicht die von 15-jährigen.

Saufende, grölende Jugendliche sagen nicht mitten in die dröhnende Musik hinein: „Du schädigst deinen Körper“, wenn einer von ihnen raucht. Und sie denken auch nicht über ihre Mutter: „Hör auf, dein Mitgefühl zu heucheln.“ Das könnte keiner der beiden Brüder, wenn ihre Eltern auf 300 Seiten eben nicht als emotional reife, souveräne, empathische Menschen, sondern als Verdränger und Schweiger dargestellt werden. Woher soll ein Heranwachsender das plötzlich aus dem Hut zaubern? Und es klingt wie aus der Regie-Box, wenn der Vater dem Helfer Uwe noch mal sagt, dass er über Wochen schwarz gearbeitet habe. Ja natürlich. Das müssen sich die beiden nicht sagen, das ist sonnenklar.

So gibt es vieles, was man vielleicht auch von einem jungen Autor nicht erwarten sollte. Was aber nicht auf seine Kappe, sondern eher auf die des Verlages geht, sind tatsächlich handwerkliche Schnitzer, die zu dutzenden übriggeblieben sind. So sind Badehosen, die eben schon trocken waren, kurz darauf wieder nass, so stehen Leute auf, die gerade schon aufgestanden sind, da werden Türen zwei Mal zugemacht, Figuren unterhalten sich gerade, dann „schweigen sie weiter“. Das passiert, ja. Das passiert auch erfahrenen Autoren. Dass jedoch in einem großen Verlag, wo gewiss noch mal drei, vier Personen über ein Manuskript schauen, bevor es fertig ist, so etwas als „Top-Titel“ in die Welt geht, das ist ernüchternd.

Dem Buch braucht man nichts mehr wünschen. Dem Autor jedoch darf man wünschen, dass er weiter schreibt und vielleicht mehr wagt, mehr Mut zur Lücke und mehr an Phantasie für den Leser übriglässt, die Kamera weglegt und die Figuren ausreden lässt.

Lukas Rietzschel
Mit der Faust in die Welt schlagen
Ullstein Verlag, München 2018
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