Drama am Askja: Gerwin van der Werf „Der Anhalter“

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.

Es sollte die Reise ihres Lebens werden. Tiddo und Isa brechen gemeinsam mit ihrem Sohn Jonathan nach Island auf. Im Wohnmobil wollen sie das Land erkunden. Isa, die Naturwissenschaftlerin, freut sich auf die biologischen Besonderheiten und grandiose Landschaft, Tiddo möchte nichts mehr, als seiner Ehe neuen Schwung verleihen. Denn so richtig, so erfährt man nach und nach, läuft es zwischen den beiden nicht. Isa entzieht sich jeder Berührung ihres Manns, acht Jahre ohne Sex sprechen für sich.

»Tiddo!«
Wenn sie meinen Namen ausspricht, fühle ich mich meist wie ein Kind, höchst selten wie ein Mann, nie wie ein Geliebter.

Und auch Jonathan scheint nicht recht zugänglich. Der Junge zeichnet viel und düster, lässt keinen an sich ran. Zumindest aus der Sicht von Tiddo, aus dessen Ich-Perspektive wir das Geschehen betrachten. Die Probleme ahnt auch Tiddos Mutter und hinterlässt ihrem Sohn einen Umschlag mit Geld, denn Island, so schreibt sie dazu, soll ja recht teuer sein.

So startet die Familie durch raue Landschaften, durch Kälte und Regen. Als Isa sich schließlich durchsetzt und sie einen Anhalter mitnehmen, entgleitet der Familie zunehmend ihre Autonomie. Denn Svein ist so ziemlich alles, was Tiddo nicht ist: Groß und stark, undurchsichtig und voller Geschichten, männlich und mit Tattoos, die aus Islands Mythen ihre Kraft schöpfen. Woher er kommt, was er ist, bleibt ein Rätsel, doch eines macht er deutlich: Er ist gekommen, um zu helfen. Jonathan vertraut sich ihm mühelos an, Isa taut auf und Tiddo schwankt zwischen Freundschaft, Bewunderung und Abwehr, denn er ahnt die Gefahr, die Svein für seine Familie darstellt.

Cover: S. Fischer Verlag

Wie ein Gespenst der unausgesprochenen Dinge steht Svein zwischen Tiddo, Isa und Jonathan. Selbst als er längst nicht mehr dazu sein scheint, spürt Tiddo die Anwesenheit dieses wikingerhaften Isländers. Noch als Phantom bohrt er den Stachel des Schmerzes in die kleine Familie, in der Tiddo zunehmend aus der Rolle fällt. Die jahrelange Sprachlosigkeit bahnt sich ihren Weg in Provokationen gegenüber Isa, deren Kontrolliertheit Tiddo brechen will. Zunehmend vertauschen sich die Rollen der Ehepartner, angepeitscht durch den Geist von Svein. Der unehrgeizige und folgsame Familienvater, das Muttersöhnchen bricht aus, will seine Männlichkeit beweisen und ignoriert, dass seine Mutter seit Tagen telefonisch nicht zu erreichen ist. Erlösung bringen soll schließlich eine halsbrecherische Fahrt zum Vulkan Askja.

Statt der dringend notwendigen Kommunikation beschreibt Gerwin van der Werf stumme Wut und Verzweiflung. Im Land der Mythen, Elfen und Trolle verliert ein Mann den Verstand. Er bricht aus den Fesseln seines Lebens, umhüllt von Dichtung oder Wahrheit, wer weiß das schon. Isa, diese kontrollierte Überfrau, gehört mindestens so durchgerüttelt wie der zahme Ehmann, von dem sich der pubertierende Sohn zurückzieht. Gerwin van der Werfs Figuren sind klar umrissen und doch undurchsichtig. Was in Ihnen vorgeht, bleibt ihr Geheimnis, an dem Svein zu rütteln vermag. Dieser Svein, von dem man bald zweifelt, ob es ihn gibt oder ob er nur eine Ausgeburt des zunehmenden Wahns ist, den Tiddo nach jahrelanger Sprachlosigkeit und angestautem Überdruss überfällt. Gerwin van der Werf hätte kaum eine bessere Kulisse für die Albtraumreise finden können als Island, das den Menschen kraft seiner Naturgewalt in den Bann zieht und klein und nichtig fühlen lässt.

„Der Anhalter“ ist das erste Buch des 1969 in den Niederlanden Geborenen, das ins Deutsche übersetzt wurde. Schön, dass wir seine kraftvolle Sprache und starken Bilder nun lesen können.

Gerwin van der Werf
Der Anhalter
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2020
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