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Foto: Insa Langhorst

In Berlin wird ein Verlag gegründet. Im März 2017. Mit dem erklärten Ziel, notwendige Bücher der Literatur- und Kulturgeschichte neu zu verlegen – um so schon gemachte Erfahrungen einzubringen und erreichte Standards des Denkens und Schreibens hochzuhalten. In Zeiten des regelmäßigen Abgesangs auf die Buch- und Verlagskultur fragt man sich, ob es sich hierbei um Träumereien glückloser Romantiker handelt oder wirklich ernst gemeint ist.

Es ist ernst gemeint. Und die vier Gründer des Verlags Das kulturelle Gedächtnis – Carsten Pfeiffer, Tobias Roth, Peter Graf, Thomas Böhm –  machen alles andere als den Eindruck ausgemachter Spinner. Am vergangenen Freitag präsentierten sie ihr erstes Frühjahrsprogramm im Palais in der Kulturbrauerei in Berlin. Auf die Bühne kamen hintereinander die Herausgeber Wolfgang Hörner, Tobias Roth und Peter Graf – drei kluge und eloquente, nachdenkliche und unterhaltsame und vor allem von der Schönheit der Texte Beseelte und erzählten von „ihrem“ Buch, das sie ins Programm eingebracht haben. Thomas Böhm moderierte kenntnisreich durch den Abend und stellte nebenbei auch sein „eigenes“ Buch vor.

Thomas Böhm mit Frederic Böhle/ Foto: Insa Langhorst

Die Premiere kann sich lesen lassen. Getreu dem Verlagstitel handelt es sich um Schriften, die erstaunlich aktuell sind. Wüsste man nicht, dass sie aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen (und seitdem nicht mehr erschienen sind), glaubte man es kaum: Gottlieb Mittelberger schreibt in seiner „Reise in ein neues Leben“ über die Qualen eines Auswanderers – wohlgemerkt eines Deutschen, der in die USA möchte. Was er schildert könnten die heutigen Flüchtenden sicher ebenso erzählen.
In „Der Fanatismus oder Mohammed“ begegnet uns Voltaire mit einer Tragödie über religiöse Verblendung. Flankiert von Voltaires Widmungsbrief an Friedrich II. und zwei Streitschriften über die Buchreligionen ist „Der Fanatismus oder Mohammed“ aktueller denn je. Tobias Roth übersetzte die Texte neu – als erster nach Goethe im Jahr 1800.
Postfaktisches Zeitalter, Fake-News – alles nichts Neues lehrt uns Richard Adams Lockes „Neueste Berichte vom Cap der Guten Hoffnung über Sir John Herschel’s  höchst merkwürdige astronomische Entdeckungen“. Locke erfand das Leben auf dem Mond und bescherte der New York „Sun“ einen Auflagenanstieg und Übersetzungen in mehrere Sprachen. Dann kam der Absturz. Richard Adams Locke hatte den bis heute größten Presseschwindel ausgelöst. Den aber höchst poetisch.
Kämpfen oder Verhandeln? Jules Cambon war ein französischer Diplomat, der bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Botschafter in Berlin war. Seine Verdienste um Diplomatie, Völkerverständigung und Toleranz sind einzigartig. Ganz anders Franz von Bolgár. Der österreichisch-ungarische Offizier, Publizist und Politiker tötete im Duell seinen Kontrahenten. In „Gegenschuss“ sind beide Positionen als Grundlagentexte vertreten.

Frederic Böhle/Foto: Insa Langhorst

Doch waren die gut zwei Stunden weit mehr als die intellektuelle Bespaßung einer aufmerksamen und gut gelaunten Zuhörerschaft. Denn es wurde auch gelesen. Und wie! Eigentlich hätte Thomas Sarbacher kommen sollen. Doch der Streik an den Berliner Flughäfen verhinderte sein Kommen. Stattdessen brillierte Frederic Böhle. Der junge Schauspieler riss das Publikum mit und erweckte die Texte in einzigartiger Weise zum Leben. Der Verlag sollte über die Produktion von Hörbüchern nachdenken. Mit einem solchen Vorleser lohnt es sich bestimmt.

Am Ende wusste man nicht, welches Buch man zuerst kaufen sollte. Die wunderschöne Gestaltung der Exemplare machte es nicht leichter. Beim Nachhauseweg blieb das gute Gefühl, dass mit Das kulturelle Gedächtnis etwas Wertvolles entstanden ist, das die Kultur- und Literaturszene sehr bereichert. Freuen wir uns auf die nächsten Bücher!

Das kulturelle Gedächtnis
Lahnstraße 86
12066 Berlin
Die Bücher sind in jeder Buchhandlung zu erhalten.

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