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Literatur: Peter Sloterdijk „Was geschah im 20. Jahrhundert? Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft“Eine Rezension von Dr. Stephan Reimertz

Peter Sloterdijks Buch „Was geschah im 20. Jahrhundert?“ besteht über weite Strecken aus dem, was Franzosen »truismes« nennen würden; Dingen also, die sich von selbst verstehen. Diesmal verzichtet der Autor auf neue Einblicke oder philosophische Einsichten. Interessanterweise bringt er Gemeinplätze nicht mit dem Anspruch vor, allgemein bekannten Tatsachen eine neue Seite abzugewinnen, sondern so, als wären sie überhaupt neu und dem Publikum unbekannt. Das klingt dann so:

»Nicht wenige historische Imperien – wie das der Römer, der Briten, der Habsburger und der Amerikaner – beruhen letztlich auf der Kultivierung von Großviehherden, die ihren Hirten einen bedeutenden Überschuss an Arbeitskraft, Mobilität, Protein und Leder zur Verfügung stellten, im von dem Nexus zwischen alltäglicher Kaloriensicherheit und politischem Expansionismus nicht zu reden.«

Immerhin ist es möglich, dass Sloterdijk sich eine Selbstparodie erlaubt hat. Sloterdijk hält sich im Wesentlichen an die schon im Greenpeace-Jahrbuch beschriebenen Umweltzerstörungen, die man ja in der Tat nicht oft genug wiederholen kann:

»Die indirekte anthropogene Umweltbelastung durch Viehzucht ist gleichwohl imposant: Jede von Menschen gehaltene Kuh produziert in einem dreijährigen Leben aufgrund von verdauungsbedingter Flatulenz eine Menge von Treibhausgasen, die einer Fahrt von 90 000 Kilometern mit einem Mittelklassemotor entspricht.« Dies ist zweifellos eine interessante Betrachtung, die freilich nicht völlig neu ist und die man möglicherweise eher in einer Zeitschrift wie »Auto, Motor und Sport« erwarten würde.

Als »truisme« muss man auch Passagen wie diese bezeichnen, wobei sich der Autor zu einem der für ihr typischen Wortspiele verleiten lässt: »Der Begriff ‚Anthropozän’ gehört seiner logischen Grammatik nach zu der Gruppe der pragmatischen Weltalter-Theorien. (…) Der Begriff ‚Anthropozän’ enthält also nichts geringeres als die Aufgabe, zu prüfen, ob die Agentur ‚Menschheit’ imstande ist, aus dem Ejekt (Auswurf) ein Projekt zu machen oder eine Emission in eine Mission umzuwandeln.«

Möglicherweise werden Kritiker einwenden, dass dieses Buch nur aus Gemeinplätzen und Wortspielen bestehe. Produktiver wäre es aber, sich zu fragen, ob dies typisch für den Autor ist, welchen Platz dieses Buch in seinem Gesamtwerk einnimmt, und was es über unsere Gesellschaft aussagt.

Peter Sloterdijk
Was geschah im 20. Jahrhundert?
Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
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Literatur: Peter Sloterdijk „Was geschah im 20. Jahrhundert? Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft“, 5.0 out of 5 based on 1 rating